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Will­kom­men auf dem Advents­ka­len­der des Kunst­ver­eins Michendorf

Kapi­tel 1 Das verlasseneTal 

Vor lan­ger Zeit gab es weit, weit weg, in den hohen Ber­gen ein ver­las­se­nes Tal. Kei­ner weiß mehr, ob sich hier je ein Mensch oder ein Tier ver­irrt hat­te. So galt die­ses Tal als ver­las­sen, weil sich dort, der Sage nach, wohl das Böse auf­hielt. Des­halb war es ein Ort, der von Sagen und Mär­chen umwo­ben war, was aber den Rie­sen, dort abseits von den Men­schen, die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen bot, um unge­stört zu leben. So war die­ses Tal nur anschei­nend ver­las­sen, es gab Tie­re und sechs Rie­sen, die dort seit unend­li­cher Zeit fried­lich zusam­men­leb­ten, in Ein­heit mit der Natur und allen Lebe­we­sen, Tie­ren und Pflan­zen. Sie pflanz­ten und pfleg­ten ihre Apfel­bäu­me, hat­ten sehr viel Zeit für sich und waren immer ger­ne zusam­men um gemein­sam Pro­ble­me zu lösen oder ein­fach nur soeben Erleb­tes zu berich­ten. Sie leb­ten an jedem Tag im „Hier und Jetzt“, was zur Fol­ge hat­te, dass sie nie nach­tra­gend waren oder skep­tisch in die Zukunft blick­ten. Sie konn­ten jeden neu­en Tag ohne Hass und Neid mit­ein­an­der und die schö­nen Din­ge, der Natur erle­ben. Die Schnee­schmel­ze, das Blü­hen im Früh­ling, beson­ders ihrer Apfel­bäu­me, denn die Rie­sen ver­dank­ten ihre Grö­ße ihre Kraft und ihre Aus­ge­gli­chen­heit dem Genuss von Äpfeln und dem dar­aus gewon­ne­nen Saft. Jeder für sich hat­te eine beson­de­re Apfel­sor­te, die er durch geheim­nis­vol­le Züch­tun­gen geschaf­fen hat­te. Als Kon­zen­trat half es nicht nur über den Win­ter zu kom­men, son­dern wirk­te wie eine Medi­zin bei Krank­hei­ten. Für die abend­li­chen Tref­fen wur­de ein aus allen Sor­ten Gemein­schafts­saft her­ge­stellt, der ihre Zusam­men­ge­hö­rig­keit zei­gen sollte.

Um  ihre Ver­bun­den­den­heit zu Äpfeln aus­zu­drü­cken, hat­ten sie Hüt­ten gebaut, die wie gro­ße Äpfel aus­sa­hen. Jede Jah­res­zeit stell­te beson­de­re Anfor­de­run­gen an sie. Im Früh­ling wur­de gepflanzt, Apfel­bäu­me ver­edelt und die wär­men­de Son­ne genos­sen. Der Som­mer stand im Zei­chen der Bewäs­se­rung von Bäu­men und Gemü­se­pflan­zen. Das kla­re und sau­be­re Was­ser muss­ten die Rie­sen einer weit ent­fer­nen Quel­le ent­neh­men. Dies bedeu­te­te zwar täg­lich immer ein anstren­gen­der Weg, doch, weil sie immer alle gemein­sam zusam­men los­zo­gen, bot es auch eine Gele­gen­heit für Gesprä­che unter­ein­an­der. Der Herbst wur­de  für Ern­te und neu­es Pflan­zen genutzt, im Win­ter schlie­fen sie sehr  lan­ge und tra­fen sich  nur noch am Abend. Jeden Tag waren sich die Rie­sen bewusst, in wel­chem Para­dies sie leb­ten, obwohl sie immer noch Furcht hat­ten, dass die­se Ruhe und der Frie­den mit dem Him­mel mal ein Ende haben könn­te. Es war doch nicht selbst­ver­ständ­lich, dass immer genü­gend Regen fiel, die Tem­pe­ra­tu­ren stets wie im Vor­jahr waren waren und kei­ne Unwet­ter auf­tra­ten.  Sie saßen zusam­men, tran­ken den Apfel­saft der Gemein­schaft, der aus allen Sor­ten zusam­men­ge­mischt war. An einem Abend, kurz vor dem Früh­ling, ver­dun­kel­te sich der Him­mel beson­ders stark. Ein auf­kom­men­der Sturm und ein dump­fes Grol­len beun­ru­hig­te sie nicht zu unrecht, denn am nächs­te Mor­gen waren sie von den Fol­gen des Unwet­ters so ver­un­si­chert, wie seit Hun­der­ten von Jah­ren nicht mehr.

Kapi­tel 2 Die Riesen

Die Rie­sen leb­ten in ihren ein­fa­chen Hüt­ten und ver­schwen­de­ten fast nie Gedan­ken an die Zukunft. Ohne Angst vor den weni­gen gro­ßen Tie­ren, leb­ten sie fröh­lich in den Tag hin­ein und waren sich sicher unsterb­lich zu sein. Ein­zig der Him­mel über ihnen war ihnen nicht geheu­er, denn sie sorg­ten sich, dass dort eine höhe­re Macht ver­bor­gen war. Die­se soll­te nicht her­aus­ge­for­dert wer­den. Jeder Rie­se hat­te unter­schied­li­che Stär­ken und Schwächen:

 

Der Rie­se, „Mich“ küm­mer­te sich wenig um das Gere­de der ande­ren, über­nahm aber immer Ver­ant­wor­tung bei bestimm­ten gemein­sa­men Unter­neh­mun­gen. Er hat­te kla­re Zie­le und setz­te sei­ne Ideen oft durch, weil er über­zeugt war der Gemein­schaft damit zu helfen.

 

 

Der Rie­se „Lang“ leg­te gro­ßen Wert auf Gerech­tig­keit, misch­te sich sel­ten bei etwas ein, hat­te eher Angst, etwas falsch zu machen. Sei­ne Ruhe und Aus­ge­gli­chen­heit wur­den stets von den ande­ren Rie­sen geschätzt. Er war ein Kön­ner bei dem Anbau von Getreide.

 

 

 

Der Rie­se „Wild“ befürch­te­te oft das Schlimms­te und reagier­te spon­tan auf Ver­än­de­run­gen, manch­mal zu ener­gisch und kämp­fe­risch. Am liebs­ten leg­te er sich aber zur Ent­span­nung unter sei­ne Bäu­me, hör­te den Lau­ten der Tie­re inter­es­siert zu und hät­te die­se gern verstanden. 

 

  

Der Rie­se „Horst“ war immer berei­tet was Neu­es aus­zu­pro­bie­ren. Er inter­es­sier­te sich beson­ders für die Zusam­men­hän­ge in Flo­ra und Fau­na. Sei­ne beson­de­re Gabe war es, Gedan­ken in Bil­der zu ver­wan­deln, die ihm so mache Nacht erschienen.

 

 

Der Rie­se „Stück“, ein Lieb­ha­ber von gutem Essen und Trin­ken, genoss die Gemein­schaft, und war stets dabei, wenn gesun­gen wur­de. Er ver­such­te ein­fa­chen Mit­teln Töne zu erzeu­gen, und erfand eini­ge Musik­in­stru­men­te. Ein schö­ner Tag für ihn war, wenn alle zusam­men lach­ten und dabei nie einer aus­ge­lacht wurde.

 

Der Rie­se „Fres“ war der Kleins­te, viel­leicht des­we­gen immer ein wenig zurück­hal­tend und ängst­lich, etwas falsch zu machen. Er genoss das Leben in der Gemein­schaft. Wie alle ande­ren Rie­sen konn­te er sich nicht mehr erin­nern, wie lan­ge und auf wel­che Wei­se er mit den ande­ren in die­ses Tal gelangt war. Sei­ne letz­te Erin­ne­rung an die Zeit vor­her war ein zer­bro­che­ner Krug.

 

Kapi­tel 3  Das Unwet­ter     

Ein glei­ßen­der Blitz durch­bricht den stock­dunk­len Him­mel im Tal. Sekun­den spä­ter reißt ein ohren­be­täu­ben­der Knall selbst den tiefs­ten Schlä­fer aus den Träu­men. Auch an den sechs Rie­sen geht die­ses Natur­schau­spiel nicht spur­los vor­bei. Sie, die kei­ne Fein­de auf der Erde fürch­te­ten, hat­ten doch nur vor den Zei­chen aus dem Him­mel Respekt, denn dort ver­mu­te­ten sie eine Macht, die über ihnen steht.

Der Rie­se „Wild“ äußert sich als Ers­ter: „Das ist ein sehr schlech­tes Zei­chen, wer von uns hat hier Unrecht getan und es zu wild getrieben?“

Der Rie­se „Lang“ ant­wor­tet: „Es muss ein sehr schlim­mes Ver­bre­chen sein, dem wohl mit Sicher­heit eine lan­ge Stra­fe fol­gen wird.“

Der Rie­se, „Mich“, erwi­dert: „Mich geht das nichts an, ich mache eh nur alles, was mir gefällt und was Recht ist“.

Der Rie­se „Stück“ äußert sich: „Ich sehe das nicht so gegen uns alle, son­dern viel­leicht gegen etwas Ande­res im Tal gerichtet“.

Der Rie­se „Fres“ meint nur: „Ich hal­te mich aus allem raus, ich weiß ja noch nicht ein­mal, war­um ich „Fres“ hei­ße und ver­ges­se alles, was vor Kur­zem noch wich­tig war. Außer­dem bin ich der Kleinste.“

Der Rie­se „Horst“ kam als letz­ter dazu, weil sei­ne Hüt­te unter einem ehe­ma­li­gen Adler­nest gele­gen war und ergänz­te: „Viel­leicht keh­ren die Greif­vö­gel zurück, die wir vor lan­ger Zeit ver­trie­ben haben und schi­cken eine war­nen­de Bot­schaft bezüg­lich ihrer Rückkehr.“

Da sich das Unwet­ter schnell wie­der ver­zog, mach­ten sich die Rie­sen kei­ne wei­te­ren Gedan­ken und setz­ten ihren Schlaf in den Hüt­ten fort. 

                   

Kapi­tel 4   Am Tag dar­auf                    

Am nächs­ten Mor­gen gin­gen sie wie­der an die Arbeit: Sie pflanz­ten, säten, ern­te­ten rie­si­ge Äpfel und ver­gnüg­ten sich danach gemein­sam beim Was­ser­ho­len. Die Quel­le hat­te viel mehr Was­ser als ges­tern noch, denn das Unwet­ter brach­te auch star­ken Regen mit. So brauch­ten sie damit nicht spar­sam sein und dusch­ten sich gemein­sam ab. Da die­se Rie­sen nie lan­ge über schlim­me Din­ge nach­dach­ten, son­dern ihr Leben auf das „Hier und jetzt“ aus­rich­te­ten, war die letz­te Nacht kein The­ma mehr. Alle pfleg­ten ihre kraft­spen­den­den Apfel­trä­ger. Ein­zig Fres sorg­te sich beson­ders um sei­nen „Träum­ebaum“, des­sen rie­si­ge Äpfel beson­de­re Fähig­kei­ten zu haben schie­nen. Nach dem Genuss der Äpfel aus der ers­ten Ern­te vor drei Tagen fühl­te er sich viel leich­ter und nicht mehr den ande­ren unter­le­gen.  Allen fiel wie­der ein brau­ner Adler auf, der schon vor dem Unwet­ter hoch über ihnen kreis­te. Es schien fast so, dass er sie beobachtete.

Am frü­hen Abend saßen alle zusam­men, spiel­ten Kar­ten oder unter­hiel­ten sich. Doch bald zog ein neu­es, noch schlim­me­res Unwet­ter auf. In weni­gen Minu­ten war der Him­mel pech­schwarz, und das Unwet­ter schien mehr­fach schlim­mer zu wer­den als in der letz­ten Nacht. Alle Rie­sen flo­hen in ihre Schlaf­stät­ten und hoff­ten auf ein bal­di­ges und gutes Ende des zwei­ten Unwet­ters. Aber das bedroh­li­che Don­nern aus dem Him­mel wur­de immer lau­ter. Das klei­ne Rinn­sal, wel­ches ihre Quel­le speis­te, wur­de zu einem Was­ser­fall. Das Was­ser sam­mel­te sich in einem See um ihre Hüt­ten her­um und stieg immer höher. Als die ers­ten Fels­bro­cken aus den Ber­gen, ver­mischt mit Schnee und Eis, ihre Lager und Hüt­ten erreich­ten, gab es für sie kei­ne Wahl mehr. Sie muss­ten in eine klei­ne Höh­le flie­hen, die sie für ihre Fes­te ver­grö­ßert hat­ten. Erschöpft, müde aber vor Angst noch wach, hoff­ten alle auf das Nach­las­sen des Stein­schlags und des Stark­re­gens. Sie fie­len bald in einen tie­fen Schlaf in der schüt­zen­den Höh­le und erleb­ten nicht, wie ein Berg­rutsch dicht neben der Höh­le gro­ße Schä­den an ihren Hüt­ten und ihren Pflan­zun­gen anrich­te­te.        

 

Kapi­tel 5  Nach dem Erdrutsch 

Am Mor­gen konn­ten sie das Aus­maß der Schä­den nicht glau­ben. Kaum ein klei­nes Fleck­chen ihres Lagers war ver­schont geblie­ben. Ein gewal­ti­ger Erd­rutsch hat­te fast alles, was sie sich erschaf­fen hat­ten unter sich begra­ben und die Hüt­ten waren über­flu­tet. Ledig­lich die Dächer rag­ten noch aus dem neu ent­stan­de­nen See. Ein ein­zi­ger Apfel­baum vol­ler Früch­te rag­te noch zwi­schen dem Geröll und Was­ser dem Him­mel ent­ge­gen. Von jeder ande­ren Baum­sor­te konn­te man nur noch ein paar Zwei­ge errei­chen. Des­halb kamen die Rie­sen zusam­men und tra­fen die Ent­schei­dung, das gelieb­tes Tal zu ver­las­sen, obwohl es allen schwer­fiel. Die Idee von Fres, dem Kleins­ten, mach­te aber allen Mut: „Wir neh­men die Äpfel mit. Die sind doch in einer tro­cke­nen Hüt­te abseits von Erd­rutsch gela­gert. Da wer­den wir bei unse­rer Suche nach einer neu­en Hei­mat gestärkt. Außer­dem sind wir tol­le Züch­ter, beherr­schen das Pfrop­fen von Bäu­men und die Auf­zucht aus Apfel­ker­nen, beson­ders der Sor­te „Gra­ven­stei­ner“ von „Mich“. Schnell waren alle ande­ren bereit Auf­ga­ben zu übernehmen:

Mich: „Ich tra­ge den ein­zi­gen Baum! Mei­ne Sor­te ‘Gra­ven­stei­ner´ !
Wild: „Ich ver­tei­di­ge ihn!
Horst: „Ich wer­de alle Fein­de mit mei­nen Wor­ten beruhigen!“
Stück: „Ich wer­de neue Freun­de für uns fin­den, nicht alle sind schlecht!“
Lang: „Egal was geschieht, wir haben nichts Unrech­tes getan!“
Sie fass­ten sich bei den Hän­den und spra­chen den Gemeinschaftsspruch:

Zusam­men haben wir Kraft,
gemein­sam den Apfelsaft,
was soll schon pas­sie­ren,                                                 
wenn wir uns nicht verlieren,
und jeder sein Bes­tes schafft!“

    
Kapi­tel 6   Vor­be­rei­tun­gen
                   

Es ist ja immer schön, wenn man Hoff­nun­gen und Erwar­tun­gen hat und die­se in Plä­nen ver­wirk­li­chen möch­te. Hier jedoch haben die sechs Rie­sen noch eini­ges zu tun; außer­dem trieb sie die Angst vor einem erneu­ten Erd­rutsch zur Eile an. Als ers­tes wur­de der ein­zi­ge noch halb­wegs erhal­te­ne Apfel­baum, der „Gra­ven­stei­ner“, vom Geröll befreit. Dies dau­er­te viel län­ger als erwar­tet, aber es gelang. Anschlie­ßend schnit­ten sie von allen ver­blei­ben­den fünf Bäu­men jeweils drei Zwei­ge ab, die spä­ter am Ziel der Wan­de­rung auf den ande­ren Baum auf­ge­pfropft wer­den soll­ten. Dann wur­de der Apfel­saft ver­packt. Nicht so wie heu­te in Fla­schen, son­dern in Schläu­chen. Zudem muss­ten die Rie­sen auf das Gewicht ihrer Las­ten ach­ten. Sie hat­ten nie ein Tra­ge­tier gebraucht, aber nun schien es drin­gend nötig. Der nächs­te Punkt war die Him­mels­rich­tung der Rei­se zu bestim­men. Rich­tung Süden stan­den unweg­sa­me Fels­ge­bir­ge ent­ge­gen. Also ent­schie­den sie sich nach Nor­den zu zie­hen, ohne zu ahnen, dass ihnen tau­send Kilo­me­ter Fuß­marsch bevor­ste­hen wür­den. Völ­lig erschöpft leg­ten sie sich das letz­te Mal in ihren Hüt­ten  zum Schlafen.

  

Kapi­tel 7 Begeg­nung  mit einer Hexe       

Zuerst ging es recht flott am Fluss ent­lang durch ihr Tal. Die nähe­re Umge­bung war unse­ren Rie­sen recht gut bekannt, so kamen sie gut vor­an. Es fiel ihnen aller­dings auf, dass sie kaum Men­schen oder Tie­ren begeg­ne­ten, geschwei­ge denn Apfel­bäu­me zu sehen waren. Dies war vor dem Erd­rutsch anders. Sie fan­den es merk­wür­dig, wenn nicht beun­ru­hi­gend. Ein­zig der brau­ne Adler zog über ihnen am blau­en Him­mel sei­ne Krei­se. Bald stell­ten sie fest, dass sie lie­ber mit klei­ne­rem Gepäck unter­wegs sein soll­ten. So wur­de frü­her als geplant nach einem geeig­ne­ten Ort für das Nacht­la­ger gesucht. Plötz­lich schoss der Adler im Sturz­flug hin­ab, streif­te fast ihre Köp­fe und lan­de­te nicht weit von ihnen in einer Lich­tung. Horst sag­te, dass er in dem ver­las­se­nen Adler­nest, stun­den­lang die Greif­vö­gel beob­ach­tet hat­te, aber nie eine der­ar­ti­ge Aggres­si­on erlebt hat­te. „Auch die Schreie der Adler sei­en unter­schied­lich“, mein­te er. Sie beschlos­sen zur Lich­tung in der sie den Adler ver­mu­te­ten zu gehen. Dort ange­kom­men, gab es kei­ne Spur von einem Adler. Auf einem Baum­stumpf kau­er­te eine uralte, häss­li­che Frau. Sie näher­ten sich ihr und sie begann zu spre­chen. „Ich bin eine Hexe sagen die meis­ten Men­schen, doch das stimmt nicht. Ich habe beson­de­re Gaben, kann die Spra­che von Tie­ren ver­ste­hen, ja sogar mich mit Ihnen ver­stän­di­gen.“ Sie mus­ter­te nach­ein­an­der die sechs Rie­sen. Ihr Blick blieb auf Horst gerich­tet, als sie eine Zau­ber­wur­zel her­vor­hol­te, sie auf ihn rich­te­te und sag­te: „Du kannst auch mit Tie­ren reden, weißt aber nicht genau, wie das geht. Ich gebe Dir die Gabe mit einem Zau­ber!“ Sie mur­mel­te ein paar unver­ständ­li­che Wor­te und war plötz­lich verschwunden.

Der Ort schien den Rie­sen geeig­net zu sein um zu über­nach­ten. Sie schlu­gen das Lager auf, zum Schla­fen kamen sie jedoch nicht. Zu sehr hat­te sie die Begeg­nung mit der Hexe ver­wirrt. Durchs Tal erschall­ten furcht­erre­gen­de Schreie aus allen Rich­tun­gen. Den Höhe­punkt bil­de­te ein tie­fes Knur­ren, ganz nah an ihrem Schaf­platz. Die Tie­re waren zurück.

      

Kapi­tel 8 Begeg­nung mit Ursus             

Als unse­re Rie­sen dem nach­gin­gen, sahen sie nicht weit von sich einen „Super­rie­sen“, viel grö­ßer und schwe­rer als sie und in ein dickes Fell ein­ge­packt. Des­halb bevor­zug­te die­ser den Gang auf allen vie­ren, rich­te­te sich aber sofort auf, sobald ein Rie­se auf sich auf­merk­sam mach­te. Nur auf Horst schien er nicht angriffs­lus­tig zu wir­ken. Die­ser sprach mit beru­hi­gen­der Stim­me auf das Tier ein und nann­te ihn Ursus. Als der Bär die Stim­me von Horst hör­te ent­spann­te er sich und stand wie­der auf allen Vie­ren. Es zeig­te sich, dass Horst sich mit Zei­chen und Ges­ten mit dem Bären ver­stän­di­gen konn­te. Die Gabe, die ihm die Hexe gege­ben hat­te, schien zu wir­ken. Jeden­falls zeig­te sich der Bär auf der Stel­le fried­lich, leg­te sei­ne Tat­ze auf die Schul­ter von Horst und brumm­te lei­se vor sich hin. Alle ande­ren Rie­sen nah­men dies als gutes Zei­chen wahr Horst ver­stand die­ses Brum­men und ver­nahm die Wor­te: „Ich habe schon von Euch im Wald reden gehört. Ich wer­de Euch ein Stück auf eurem Weg beglei­ten und euch durch den ver­bo­te­nen Wald füh­ren, des­sen Durch­que­rung euch als ein­zi­ger Weg zu eurem Ziel füh­ren kann“. Er leg­te sich zwi­schen die Rie­sen, deren Angst ver­flo­gen war und spen­de­te mit sei­nem Fell für alle Wär­me und Gebor­gen­heit. Sie spür­ten kei­ne Käl­te mehr und fie­len in einen tie­fen Schlaf.

            

Kapi­tel 9 Neue Freund­schaft             

Am nächs­ten Mor­gen muss­ten sich die Rie­sen nach dem Auf­wa­chen erst ein­mal die Augen rei­ben. Da schlief ein Bär neben ihnen, rings um sie her­um gab es nur stei­le Ber­ge, die nicht zu erklim­men waren, auch ohne Gepäck. Mich freu­te sich, dass er den ein­zi­gen Baum, der über­lebt hat­te, so gut ver­sor­gen konn­te, und die­ser frisch und kräf­tig aus­sah. Horst erklär­te, was Ursus ihm zu ver­ste­hen gab. Der ein­zi­ge Weg, der ihnen noch blieb führ­te durch einen dich­ten Wald. Horst erfuhr von dem Bären, dass die­ses Tal ver­flucht sei, vie­le Gefah­ren dort lau­er­ten und kaum jemand es lebend durch­schrei­ten kön­ne, es sei der ver­bo­te­ne Wald. Ver­zweif­lung kam unter den Rie­sen auf, selbst Wild hielt sich zurück. Fres klap­per­te vor Angst stän­dig mit sei­nen Zäh­nen. Doch dann erklär­te Horst den ande­ren, dass die­ses Ursus ihn an einen Traum erin­ner­te, wo sich eine Ster­nen­for­ma­ti­on am Him­mel bil­de­te: Den gro­ßen Bären.

Fres griff sofort zu sei­nem beru­hi­gen­den Apfel­saft und woll­te ihn dem Bären rei­chen. Doch die­ser stell­te sich sofort auf die Hin­ter­bei­ne und schien sehr wütend. Horst konn­te den Bären aber sofort beru­hi­gen, erin­ner­te ihn an das „Gespräch“ von ges­tern Abend. Sofort war Ursus ruhig und fried­lich. Er nahm den Saft aus der Hand von Fres an. Alle frag­ten sich, wie Horst dies gelun­gen sei. Der ant­wor­te­te nur: „Ursus“ hat gemerkt, dass ich ihn am Him­mel gese­hen habe. Er hat begrif­fen, dass wir alle hier­her­ge­hö­ren. Ursus habe ver­stan­den, dass wir sechs Rie­sen zusam­men­ge­hö­ren und sich ange­bo­ten die Rie­sen durch den Ver­bo­te­nen Wald zu füh­ren. Allein wür­de es kein Lebe­we­sen schaf­fen den Wald zu durch­que­ren. Die Rie­sen waren erleich­tert und lie­ßen es zu, dass Ursus jedem vor­sich­tig die Tat­ze auf die Schul­ter leg­te. Sorg­fäl­tig wur­de gepackt, vie­les aus­ge­wählt und zurück­ge­las­sen, weil es zu schwer war. Sie setz­ten die Wan­de­rung vol­ler Zuver­sicht und Hoff­nung fort, denn Ursus war ihr Freund geworden.

Kapi­tel 10 Der ver­bo­te­ne Wald 

Schon nach kur­zer Zeit erreich­ten sie einen dich­ten Wald und nach weni­gen Metern eine Abzwei­gung zu drei ver­schie­de­nen Wegen. Der mitt­le­re war breit und gut begeh­bar. Doch Ursus schüt­tel­te den Kopf. Horst über­setz­te: Er weiß, dies ist eine Fal­le. Der Weg endet vor einer Fels­wand und Ein­dring­lin­ge wer­den von oben mit Stein­bro­cken bewor­fen, die töd­lich sind. Der lin­ke Weg war sehr schmal, so dass nicht zwei Rie­sen neben­ein­an­der gehen konn­ten. Aber auch die­sen Weg woll­te Ursus nicht wäh­len, weil es dort vor sehr klei­nen aber sehr gif­ti­gen Schlan­gen wim­me­le. Nur der rech­te Weg sei mög­lich, hät­te aber auch sei­ne Gefah­ren auf die Ursus nicht ein­ge­hen woll­te. In einem Tag könn­ten wir es schaf­fen, wenn wir die Nacht über­le­ben. Mit mul­mi­gen Gefüh­len wur­de der rech­te Weg gewählt. Erstaun­li­cher­wei­se ging es rasch vor­an und bis zur Dun­kel­heit hat­ten sie fast das gan­ze Tal und den Wald durch­quert. Sie fan­den nur einen guten Schlaf­platz und wur­den bald von der Müdig­keit über­wäl­tigt und in Träu­me geris­sen. Ein­zig Ursus schlief nicht und wuss­te  auch warum…

 

 

Kapi­tel 11  Der Platz der Wöl­fe                         

Ursus hat­te ver­schwie­gen, dass dies auch der Schlaf­platz der Wöl­fe war. Die­se näher­ten sich mit furcht­erre­gen­dem Geheul. Obwohl sie sonst recht fried­lich waren, konn­ten sie sich aber nicht damit abfin­den, dass Frem­de ihre Gewohn­hei­ten stör­ten oder in ihr Gebiet ein­dran­gen. Obwohl das Geheul des Rudels nicht zu über­hö­ren war, schlie­fen die erschöpf­ten Rie­sen wei­ter. Die Wöl­fe kamen immer näher, so dass Ursus sich auf sei­ne Hin­ter­bei­ne stell­te und sich mit einem don­nern­den Gebrüll bemerk­bar mach­te. Die Wöl­fe waren zuerst irri­tiert, doch dann umkreis­ten sie Ihn und die unge­be­te­nen Gäs­te immer enger. Ursus griff nicht an. Er hat­te schon Erfah­run­gen mit Wöl­fen gemacht und erkann­te eine Wöl­fin, die er vor lan­ger Zeit ein­mal vor dem Ertrin­ken im nahe gele­ge­nen Strom geret­tet hat­te. Auch sie erkann­te ihn wie­der und stieß einen eigen­ar­ti­gen Schrei aus, der für Wöl­fe unty­pisch war. Dar­auf­hin leg­ten sich die Wöl­fe ruhig in einem Kreis, weni­ge Meter ent­fernt, um Ursus und die Rie­sen. Sie waren am nächs­ten Mor­gen längst ver­schwun­den, als die Rie­sen erwachten.

 

Kapi­tel  12  Abschied von Ursus und neue Schwierigkeiten 

Habe ich gut geschla­fen“, mein­te Lang und die ande­ren Rie­sen stimm­ten zu. Nur Ursus war noch nicht wach zu rüt­teln, es schien als sei erschöpf­ter als alle sechs Rie­sen zusam­men. Mit den letz­ten Res­ten Apfel­saft beka­men sie ihn wie­der wach. Schnell wur­de gepackt und der gräss­li­che Ver­bo­te­ne Wald ver­las­sen. Kaum waren sie wie­der aus dem Wald her­aus mein­te Wild: „War doch völ­lig unge­fähr­lich“. Die ande­ren nick­ten. Ursus wuss­te es anders. Er leg­te zum Abschied allen sei­ne Tat­ze vor­sich­tig auf die Schul­ter, brumm­te lei­se und ging nun wie­der sei­ne eige­nen Wege.

Er hat uns Glück gewünscht“, über­setz­te Horst das Brum­men. Obwohl sie kaum noch Äpfel hat­ten, gaben sie zum Dank eini­ge Äpfel dem Bären, der dies zu schät­zen wuss­te. Die Rie­sen hat­ten kei­ne Ahnung, was in der Nacht gesche­hen war. Andern­falls wäre ihr Dank wohl noch grö­ßer ausgefallen.

Der Apfel­baum war wei­ter­hin das schwie­rigs­te Gepäck­stück. Durch die Für­sor­ge von Mich hat­te er kaum Scha­den genom­men, und das stän­di­ge Wäs­sern mit fri­schem Was­ser sorg­te für fri­sche Blät­ter und kräf­ti­ge Wur­zeln. Da der Saft aber fast alle war, hat­ten die ande­ren Rie­sen weni­ger Last zu tra­gen und konn­ten beim Tra­gen des Baums sich mit Mich abwech­seln. Nach eini­ger Zeit gelang­ten sie zu einem unüber­wind­ba­ren Hin­der­nis. Ein brei­ter Fluss mit star­ker Strö­mung ver­hin­der­te die Wan­de­rung nach Nor­den. „Da kom­men wir nie rüber“ mein­te Mich. „Wir haben auch kei­ne Kraft mehr ein Floss zu bau­en“ mein­ten die ande­ren und leg­ten sich zum Schla­fen. Sie träum­ten, der Hoff­nungs­lo­sig­keit und Ver­zweif­lung trot­zen zu kön­nen und wälz­ten sich unru­hig hin und her. Ein­zig Mich schlief nicht, er über­nahm die Ver­ant­wor­tung ihren Schlaf zu bewa­chen. Unge­wöhn­lich für ihn, war er doch sonst nur wenig an den Bedürf­nis­sen der ande­ren Rie­sen inter­es­siert gewesen.

  

Kapi­tel  13  Fluss­über­que­rung                     

Sehr früh am Mor­gen wur­den sie durch ein wil­des Getö­se geweckt. Die Erde erbeb­te von den Huf­schlä­gen einer wil­den Was­ser­büf­fel­her­de, die an ihnen vor­bei galop­pier­te. Die­se wur­de von sechs Ama­zo­nen auf Wild­pfer­den rei­tend ange­trie­ben. Horst reagier­te am schnells­ten, hielt die Frau­en an schil­der­te und ihnen das Pro­blem der Rie­sen. Eine Ama­zo­ne ant­wor­te­te kurz: „Wenn ihr über den Strom wollt, müsst ihr fast alles ver­ges­sen, was in Eurem Leben vor­her war. Alles ist auf der ande­ren Sei­te anders. Dort gibt es Frau­en und Män­ner, Ansie­de­lun­gen vie­ler Men­schen. Ihr müsst für Eure Nah­rung sor­gen und recht­zei­tig vor dem Win­ter Vor­rä­te anle­gen. Es hat aber auch Vor­tei­le. Ihr wer­det wie­der lachen und Spä­ße machen!“ Mit dem Blick auf den Apfel­baum, den Mich immer noch trug, ergänz­te sie: „Einen Anfang habt ihr wohl schon gemacht. Der Baum wird euch vie­le Früch­te brin­gen!“ Mich bemerk­te, etwas ein­ge­schüch­tert, noch: „Wir haben auch noch vie­le Apfel­ker­ne im Gepäck, ver­ste­hen uns gut bei deren Auf­zucht und machen gesun­den Apfel­saft.“ Die sechs Ama­zo­nen spra­chen sich kurz ab und waren bereit die Rie­sen über den Strom mit Hil­fe der Was­ser­büf­fel zu brin­gen. Es gab unweit eine brei­te, fla­che Stel­le, an der das Was­ser lang­sa­mer floss. Dort war das Was­ser auch nicht so tief. Die Was­ser­büf­fel lie­ßen die Rie­sen auf ihre Rücken stei­gen und über­quer­ten einer hin­ter dem ande­ren den Fluss. Schon nach einer hal­ben Stun­de erreich­ten sie das ande­re Ufer. Die Rie­sen bedank­ten sich bei den Was­ser­büf­feln und fünf Ama­zo­nen für die Hil­fe. Die sechs­te Ama­zo­ne, mit der Horst gespro­chen hat­te, war ver­schwun­den. Statt­des­sen stieg, unweit von ihnen ent­fernt, ein rie­si­ger roter Adler auf und zog sei­ne Krei­se über ihnen. Sie fan­den einen Schlaf­platz am Ufer des Flus­ses und schlie­fen zwan­zig Stun­den lang. Der Adler ver­än­der­te sei­ne Flug­krei­se nicht. Erst als die Rie­sen erwach­ten war er verschwunden.

                  

Kapi­tel  14  Hei­le­rin und Adler                        

Inzwi­schen war der Som­mer schon zur Hälf­te vor­über, und es dräng­te, sich für einen Ort zu ent­schei­den, wo sie den Win­ter über­ste­hen konn­ten. Außer­dem muss­ten sie sich vor­se­hen, dass sie kei­ne ande­ren Men­schen durch ihr Aus­se­hen erschreck­ten. Nah­rung gab es genug: Bee­ren, Pil­ze und ihnen unbe­kann­te Früch­te. Sie durch­wan­der­ten vie­le Wäl­der, und genos­sen die Tat­sa­che, dass es hier kei­ne Erd­stür­ze gab. Den­noch, so genau wuss­ten sie nicht, wel­che Rich­tung sie ein­schla­gen soll­ten, bis sie die Begeg­nung mit einer alten „Hei­le­rin“ mach­ten. Sie trug eine Kie­pe fri­scher Äpfel und hat­te kei­ne Angst vor den Rie­sen. Als sie die geschun­de­nen Füße der Rie­sen sah, ver­sorg­te sie die­se mit Kräu­tern und Sal­ben. Sie ver­brach­ten einen Tag zusam­men im Wald. Die Rie­sen bemerk­ten nicht, dass sie der Hei­le­rin schon ein­mal begeg­net waren, aller­dings in Gestalt der angeb­li­chen Hexe. Die Hei­le­rin konn­te vie­le Gestal­ten anneh­men, sich brau­ne und rote Adler ver­wan­deln. Auch in dem Bären Ursus hat­ten die Rie­sen sie nicht ver­mu­tet, geschwei­ge denn in der Gestalt Amazone.

Ein beson­de­res Inter­es­se brach­te die Hei­le­rin für den Apfel­baum und die Apfel­ker­ne auf. “Ich weiß wohin ihr gehen soll­tet, schlug sie den Rie­sen vor. Viel­leicht zwei oder drei Tages­mär­sche von hier gibt es einen wun­der­schö­nen Ort, der noch nicht all­zu bekannt sei. Er bestün­de aus sechs Plät­zen, die dicht bei­ein­an­der­la­gen. Der Boden wäre sehr frucht­bar und die Gegend ist nicht bewohnt.

Das klingt sehr gut,“ mein­te Mich, „aber wie fin­den wir dort­hin?“ Die Hei­le­rin ant­wor­te­te, dass sie bloß dem roten Adler fol­gen soll­ten. Nach dem Aus­tausch von Kräu­tern und Apfel­ker­nen trenn­ten sich die Rie­sen von der Hei­le­rin und mach­ten sich fro­hen Mutes auf den Weg in eine neue Hei­mat. Sowie die Hei­le­rin gegan­gen war stieg ein roter Adler auf und kreis­te erneut über ihnen. „Mir scheint, die Adler haben uns immer im Auge“, mein­te Horst. „Wer weiß, was dahin­ter­steckt!“ „Egal,“ mein­te Wild, „Haupt­sa­che, wir kom­men an unse­re Plät­ze. Er knab­ber­te an einem lecke­ren Pilz mit roter Hau­be und wei­ßen Punk­ten dar­auf. Nach einer Stun­de fing er an zu kichern, schlug hef­tig mit bei­den Armen und gab zu ver­ste­hen, dass er nun zu dem Adler flie­gen wol­le, um zu erfah­ren, was es mit die­sem auf sich hät­te. Die ande­ren amü­sier­ten sich und Lang schlug vor: „Du musst Anlauf neh­men, sonst hebst Du nicht ab!“ Gesagt, getan. Wild sprin­te­te los, schlug mit den Armen und lan­de­te unver­letzt in einem Loch, das mit Moor gefüllt war. „Jetzt haben wir noch einen schwar­zen Adler“, jubelt die ande­ren, konn­ten aber ein scha­den­fro­hes Lachen nur mit Mühe unter­drü­cken. Sie wuss­ten nichts vom Flie­gen­pilz­ge­nuss von Wild. In einem kla­ren See wusch sich Wild, klag­te über Kopf­schmer­zen und fluch­te über Pil­ze. In Zukunft mied er Pil­ze, die er nicht kannte.

 

Kapi­tel  15  Wil­de Apfel­bäu­me      

Die Rie­sen folg­ten dem weg­wei­sen­den Greif­vo­gel. Nach­dem die hüg­li­ge Land­schaft immer mehr von einer fla­chen Ebe­ne abge­löst wur­de, setz­te er sich auf einen klei­nen Baum. Näher­kom­mend ent­deck­ten die Rie­sen über hun­dert wil­de Apfel­bäu­me, die mit ihren zwar klei­nen aber sehr saf­tig schme­cken­den Äpfel genau das waren, wonach sie sich sehn­ten. Schnell waren die Apfel­vor­rä­te wie­der auf­ge­füllt und die Stim­mung auf dem Höhe­punkt. „Hier sind wir rich­tig,“ mein­te Stück. Fres mach­te schon Plä­ne für künf­ti­ge Züch­tun­gen, Horst war glück­lich, dass alle zufrie­den waren. Wild war so ergrif­fen von der Schön­heit der wil­den Apfel­bäu­me, dass er ganz still wur­de. Lang war erleich­tert, dass sie nichts falsch gemacht hat­ten und Mich freu­te sich dar­auf den Baum aus den Ber­gen end­lich ins Erd­reich brin­gen zu kön­nen. Wei­ter ging es an Bächen vor­bei, in denen sich Forel­len tum­mel­ten. Sofort mach­ten sich alle dar­an, die­se mit den Hän­den zu fan­gen, doch immer wie­der glit­ten die­se ihnen durch die Hän­de. Wild, gera­de von der Pilz­ver­gif­tung gene­sen, hat­te erneut eine gute Idee. Er schnitz­te sich aus einem Ast einen Speer, stell­te sich an den Rand des Bach­ufers und blieb unbe­wegt ste­hen. Dann tauch­te eine rie­si­ge Forel­le auf. Er nahm alle Kraft zusam­men und schleu­der­te den Speer. „Ich habe sie getrof­fen,“ jubel­te er. Alle kamen zusam­men und bewun­der­ten ihn. „Das wird ein tol­les Abend­essen wer­den,“ tön­te Wild. Gemein­sam zogen sie den Speer aus dem etwas getrüb­ten Was­ser und staun­ten nicht schlecht. „Sie­ben Krö­ten auf einen Wurf,“ spot­te­te Mich. Schon wie­der hat­te Wild die Lacher gegen sich. Doch die ande­ren trös­te­ten ihn. Sie erklär­ten, dass sie Wild nicht ver­spot­ten woll­ten, son­dern dass die­se Situa­ti­on ein­fach so wit­zig sei. Nun lach­te Will auch mit und mein­te tro­cken: “Dabei hat­te ich doch kei­nen Pilz geges­sen, kei­ne frem­de Bee­re gegessen.“

 Kapi­tel  16  Ankunft in Stü­cken            

Als die sechs Rie­sen wei­ter­zo­gen, kreuz­te ein gro­ßer Hirsch ihren Weg. Nein, ein Hirsch war es nicht, auch kein Büf­fel oder Pferd. Sie ahn­ten nicht, dass die­ses Tier ein ein­sa­mer Elch war, der sich seit Jah­ren in die­ser Gegend wohl­fühl­te. Er war neu­gie­rig, kon­takt­freu­dig und hielt sich ger­ne in der Nähe von Och­sen und Kühen auf, weil es hier kei­ne ande­ren Elche gab. Er hat­te sogar einen Namen, Bert. Der rote Adler kam sicher­heits­hal­ber den Rie­sen und dem Elch in einem Sturz­flug beängs­ti­gend nahe. Doch Rie­sen und Elch hat­ten sich bereits ange­freun­det, weil die­ser bereits die ers­ten ihrer lecke­ren Äpfel kau­te. Beru­higt stieg der brau­ne Adler wie­der auf, und die Rie­sen set­zen ihre Wan­de­rung fort. Nach kur­zer Zeit glaub­ten sie Blas­mu­sik zu hören. Sie näher­ten sich einem ver­las­se­nen Platz am Wald, der an eine Tanz­flä­che erin­ner­te. Dort ange­kom­men ent­deck­ten sie selt­sa­me Gerä­te mit einer Öff­nung, in die der Wind hin­ein­blies. Stück fand als ers­ter eine Erklä­rung für die Töne, die sie soeben ver­nom­men hat­te. Er griff sich eines von ihnen und brach­te auch selt­sa­me Lau­te aus ihm her­vor, als er in eine Öff­nung hin­ein­pus­te­te. Die ande­ren taten es ihm gleich und eine selt­sa­me Musik ertön­te. „Hier blei­be ich,“ sag­te Stück. Damit war er der Ers­te, der einen neu­en Platz gefun­den hat­te. Die ande­ren zogen wei­ter, und da sie wuss­ten, dass die ande­ren Orte nicht weit ent­fernt sein soll­ten, mach­ten sie sich kei­ne Sor­gen, dass sie sich nicht mehr wie­der­se­hen wür­den. Stück benann­te den Ort Stü­cken, denn er hoff­te, dass bald ande­re mit ihm hier musi­zie­ren wür­den. 

 

Kapi­tel  17 Fres wählt einen Ort 

 

Sie zogen zu fünft wei­ter. Es war schon etwas unge­wohnt, dass ein Rie­se der Gemein­schaft fehl­te. Bald aber trat die Hoff­nung, dass hier jeder einen Platz fin­den wür­de, in den Vor­der­grund. Sobald sie auf­bra­chen erschien wie­der der rote Adler über ihnen und führ­te sie auf einem schma­len Weg durch Wald und Wie­sen zu ihrem nächs­ten Ziel. Zwei schar­fe Kur­ven führ­ten zu einem Hügel, an dem sie im dicht wach­sen­dem Gestrüpp etwas sehr Selt­sa­mes fan­den. Neben den weni­gen Res­ten von Mau­ern sahen sie eine Hand aus dem Boden ragen, die einen Krug hielt. Natür­lich hat­ten sie kei­ne Ahnung, dass es sich um den ver­sun­ke­nen Krug han­del­te, von dem Sagen berich­ten. Fres inter­es­sier­te es aber so sehr die­ses Geheim­nis zu lüf­ten, dass er für sich ent­schied: „Ich blei­be hier! Ich wer­de das Geheim­nis lüf­ten. Es ist ein schö­ner feuch­ter Ort mit einem See, ide­al zum Anbau von Apfel­bäu­men und ande­ren Pflan­zen. Das ist mein Dorf.“ Von den ehe­ma­li­gen Bewoh­nern schien sich kei­ner mehr hier aufzuhalten.

Aus die­sem Grund wur­de der Ort bald Fres­dorf genannt. Nach­dem sie dort über­nach­te­ten, zogen nun nur noch vier Rie­sen am nächs­ten Tag neue Orte suchend weiter.

 

Kapi­tel  18 Wild am See                      

Am nächs­ten Tag ging es einen klei­nen Hügel hin­auf, dann aber eine län­ge­re Stre­cke wie­der hin­un­ter, was die vier Rie­sen genos­sen, denn Anstren­gun­gen hat­ten sie in letz­ter Zeit aus­rei­chend gehabt. Da es noch recht warm war und der Schweiß ihnen von der Stirn rann, berei­te­te ihnen die Aus­sicht vom Hügel aus auf einen rie­si­gen See gro­ße Freu­de. Ein Bad im Was­ser wäre jetzt genau das rich­ti­ge. Schnell war de See erreicht und sie spran­gen, so wie sie waren ins Was­ser, obwohl kei­ner schwim­men konn­te. Doch das war anschei­nend auch nicht nötig, denn der See war nicht sehr tief. Sie erfrisch­ten sich tobend im Was­ser und genos­sen das küh­len­de Nass. Nach gerau­mer Zeit stieg der rote Adler auf und lan­de­te wie­der am Ufer des Sees, an einer Stel­le, wo ein herr­li­cher Bade­stand zum Ver­wei­len ein­lud. „Die­sen Platz lass ich mir nicht neh­men, hier blei­be ich und nen­ne ihn Wil­den­bruch“, bestimm­te Wild Er war der Mei­nung, dass er hier mit dem Bruch sei­ner eins­ti­gen Wild­heit und sei­ner Ängs­te Erfolg haben wür­de. Außer­dem gab es alles, was ein ange­neh­mes Leben ver­sprach: Fische im See, Was­ser für Bäu­me und Pflan­zen und vor allem Ruhe. Erneut wur­den Apfel­ker­ne geteilt und die rest­li­chen drei Rie­sen folg­ten dem Adler zum nächs­ten ver­las­se­nen Ort.

 

Kapi­tel  19 Lang erwischt den vier­ten Ort           

Unweit von dem neu­en Ort Wil­den­bruch stie­ßen sie auf groß­flä­chi­ge und sehr frucht­ba­re Wie­sen, die einen gro­ßen Torf­an­teil hat­ten, der für ein Präch­ti­ges Wachs­tum aller Pflan­zen sorg­te. Meter­hoch schos­sen Kräu­ter und ande­re Grä­ser dem Him­mel ent­ge­gen. Auf­fäl­lig vie­le Vögel hiel­ten sich dort auf: Fin­ken, Sta­re, Mei­sen und Amseln, Sper­lin­ge und noch viel mehr Arten, die den drei ver­blie­be­nen Rie­sen nicht bekannt waren. Sie such­ten einen geeig­ne­ten Schlaf­platz, durch­quer­ten die Wie­sen stun­den­lang bis sie an eine Lich­tung gelang­ten. Klei­dung, Schu­he und Haa­re waren vol­ler Kör­ner. Sie säu­ber­ten sich, schüt­te­ten auch aus den Schu­hen hau­fen­wei­se klei­ne und gro­ße Getrei­de­kör­ner. Kaum waren sie damit fer­tig, beka­men sie Besuch von einem Vogel­schwarm und in weni­gen Minu­ten waren die Kör­ner auf­ge­pickt. Lang kos­te­te ein paar der Kör­ner, die sehr hart waren. Erst durch Kau­en und zer­mah­len zwi­schen den Zäh­nen konn­te man sie genie­ßen. Sie hat­ten einen ande­ren Geschmack, eine will­kom­me­ne Abwechs­lung zu den Äpfeln. Dann hat­te er eine Idee. Man muss die Kör­ner zwi­schen Stei­nen zer­mah­len, dann sind sie bes­ser zu genie­ßen. Wäh­rend die ande­ren schon schlie­fen beschloss er, dass dies sein Ort sei. Er nann­te ihn Langer­wisch, denn man muss­te lan­ge Kör­ner zwi­schen zwei Stei­nen wischen, bevor sie genieß­bar waren. Der rote Adler schien zu nicken, als hät­te er ver­stan­den, was Lang mein­te. Er wuss­te aber, dass Wisch auch ein Name für Wie­sen war.

Kapi­tel  20  Horst wird Maler                        

Der rote Adler führ­te die bei­den zu einem wei­te­ren nah­ge­le­ge­nen Ort, der kaum als geeig­ne­ter Platz zum Nie­der­las­sen schien. Dafür bot er eine Idyl­le fast unbe­rühr­ter Natur. Ein klei­ner See, umge­ben von alten Bäu­men, üppi­gen Sträu­chern und Schilf. Dort ange­kom­men stell­ten die bei­den Rie­sen fest, dass sie nicht allein waren. Eine uralte Frau saß am Ufer des Sees und mal­te. Sie erschrak nicht beim Anblick der bei­den son­dern wirk­te eher erfreut. „Ich bin die Frau vom Maler Wil­helm und hei­ße Iris“, erklär­te sie. „Mein Mann Wil­helm hat­te sich immer einen Sohn von mir gewünscht, der sein Werk wei­ter­führ­ten wür­de, doch ich konn­te ihm kei­nen schen­ken. Als er ver­starb, ver­such­te ich mit all den Mate­ria­li­en, die er hin­ter­ließ, sei­ne Ideen in Bil­der umzu­set­zen, merk­te aber bald, dass es mir nicht so recht gelang.“ Horst war ange­tan, von dem Bild, wel­ches die Frau gera­de gemalt hat­te. Sie bot ihm an, ihm zu hel­fen alles zum Malen bereit­zu­stel­len, damit er ver­su­chen kön­ne, Stim­mun­gen, Gefüh­le in Bil­dern wie­der­zu­ge­ben. Sie war davon über­zeugt, dass jeder ein Künst­ler sein kön­ne. Sie hat­te schon vie­les aus­pro­biert, war aber nie der Mei­nung, dass es Wil­helm gefal­len hät­te. Er, damit schau­te sie Horst tief in die Augen, wäre wohl der Sohn, den sich Wil­helm gewünscht hat­te. Er wäre dann Wil­helms Horst. Die­ser zöger­te nicht lan­ge und wil­lig­te ein das Malen zu ler­nen. „Das musst Du selbst her­aus­fin­den“, bestimm­te Iris und lös­te sich wie ein Geist in Luft auf hin­ter­ließ aber alle Uten­si­li­en zum Malen. Horst nann­te den See „Iris See“ und den Ort „“Wil­helms­horst“. So zog Mich allei­ne wei­ter, und Horst wur­de zu einem guten Maler, der sei­ne Gefüh­le zu Mensch und Natur fort­an nicht allein in Wor­te klei­de­te, son­dern dies auch in sei­nen Bil­dern auf­le­ben ließ.

Kapi­tel  21 Mich am beson­de­ren Ort 

Nun war Mich allein. Er der sich nie beson­ders um die Belan­ge der ande­ren Rie­sen geküm­mert hat­te, spür­te plötz­lich eine gro­ße Lee­re. Nun gut, er hat­te oft Ver­ant­wor­tung über­nom­men und selbst bis zum Ende sei­ner Kräf­te ver­sucht, Ideen umzu­set­zen. Sicher, er zog sich oft zurück, wenn ihm die ande­ren Rie­sen auf die Ner­ven gin­gen, denn er woll­te den Frie­den der Rie­sen­ge­mein­schaft nicht stö­ren. Und nun war er der letz­te Rie­se ohne neue Hei­mat. Wäh­rend er so nach­denk­lich war über­rasch­te ihn der rote Adler, indem er sich auf sei­ner Schul­ter nie­der­ließ, Mich ein­dring­lich mit sei­nen Augen betrach­te­te und wie­der auf­stieg. Mich folg­te dem Adler durch einen Wald, immer noch mit dem Apfel­baum auf dem Rücken. Er fühl­te sich zwar allein, wuss­te aber sei­ne Freun­de in der Nähe, die er jeder­zeit besu­chen könnte.

Nach zwei Stun­den erreich­ten sie einen gro­ßen Platz ohne Bäu­me und Pflan­zen. Dort kreis­te der rote Adler immer wie­der um eine bestimm­te Stel­le, lan­de­te dort, stieg wie­der auf und lan­de­te dort erneut. Dies erweck­te die beson­de­re Auf­merk­sam­keit von Mich. Was woll­te der Adler sagen. Die­ser pick­te immer mit sei­nem Schna­bel in den Boden. Als Mich näher­kam, ver­wan­del­te sich der Adler in die Hei­le­rin. Nun wur­de ihm klar, dass sie die gan­ze Zeit die Rie­sen vor Gefah­ren geschützt hat­te und sie zu den Orten geführt hat­te, die sie für die Rie­sen als neue Hei­mat aus­ge­wählt hat­te. Sie erklär­te ihm, dass dies der Platz sei, wo er den Baum pflan­zen soll­te, sich nie­der­las­sen und eine Fami­lie, die Mich, grün­den möge. Die­sen Ort sol­le er „Michen­dorf“ nen­nen. Bevor Mich etwas ant­wor­ten konn­te, ver­wan­del­te sich die Hei­le­rin in eine wun­der­schö­ne Fee. Sie ver­ab­schie­de­te sich mit den Wor­ten: „Ich wer­de den Rie­sen immer hel­fen und kom­me, wenn ihr an mich denkt. Ich war schon Adler, Bär, Hexe, Hei­le­rin und Ama­zo­ne. Bald wer­de ich Euch erneut als Fee gegen­über­ste­hen, wenn ihr mich braucht. Ich kom­me, wenn ihr alle zusam­men an mich denkt.“ Bevor Mich etwas ent­geg­nen konn­te war sie verschwunden.

Kapi­tel  22 Die Rie­sen leben sich ein und über­ste­hen den Winter

Es blieb den Rie­sen nur noch wenig Zeit, sich auf den bevor­ste­hen­den Win­ter vor­zu­be­rei­ten. Sie bau­ten Hüt­ten, sam­mel­ten Vor­rä­te und berei­te­ten sich auf den Win­ter­schlaf vor, ähn­lich wie man­che Tie­re. Dies waren sie schon von in den Ber­gen gewohnt, doch hier war man­ches anders:

Stück Stück­nahm eine Trom­pe­te in den Arm.

Fres stell­te den aus­ge­gra­be­nen Krug neben sich.

Wild füll­te sei­nen Schlauch mit See­was­ser und streu­te Sand vom Strand auf den Boden sei­ner Hütte.

Lang besuch­te alle Freun­de, brach­te ihnen Kör­ner und träum­te von einer Müh­le, um aus die­sen Mehl zu mahlen.

Horst stell­te die bereits zehn von ihm gemal­ten Bil­der um sich herum

Mich pflanz­te noch vor dem ers­ten Frost den Baum, wel­chen er fast allein aus dem Tal bis hier­her­ge­tra­gen hat­te. Er mach­te sich eine Kro­ne aus sechs Blät­tern des gepflanz­ten Bau­mes, die er auf­set­ze und freu­te sich auf die Zeit der Ver­ede­lung des Bau­mes, wenn im Früh­jahr die ande­ren Rie­sen mit ihren Zwei­gen kämen.

Er zog alles an, was er an Klei­dung hat­te und leg­te sich auf den mit Stroh aus­ge­leg­ten Boden. In den Ber­gen hat­ten sie auch so den Win­ter ver­bracht, sind aber alle drei Tage auf­ge­wacht und haben sich getrof­fen, um gemein­sam zu essen und zu trin­ken. Wie soll­te dies hier gehen?

Mich dach­te an die Fee und sofort erschien sie. „Ich bit­te Dich, allen Rie­sen einen Schlaf zu ver­lei­hen, der bis zum Früh­ling anhält und kei­ne Kräf­te ver­braucht. Dann wer­den wir alle gemein­sam Wil­len, Freu­de und Ener­gie nut­zen, um sechs blü­hen­de Ort­schaf­ten vor­zu­be­rei­ten, die den Men­schen gefal­len sol­len“, sag­te Mich. Die Fee ant­wor­te­te: „So soll es sein!“ Sie lös­te sich in Luft auf, um die ande­ren Rie­sen mit dem Schlaf­zau­ber zu ver­se­hen. Sie erschien bei allen Rie­sen und ver­setz­te sie in einen tie­fen Schlaf.              

Kapi­tel  23 Der Baum wird gepfropft und gedeiht mit sechs Apfel­sor­ten                                  

War­me Son­ne und blau­er Him­mel weck­ten die Rie­sen aus dem Win­ter­schlaf. Gie­rig mach­ten sie sich über Ihre Essen­vor­rä­te her. So gestärkt brach Stück auf, um nach­ein­an­der alle ande­ren Rie­sen ein­zu­sam­meln, damit sie den von Mich gepflanz­ten Baum mit ihren Zwei­gen, ver­edeln konn­ten. Alle wun­der­ten sich, dass sie den Win­ter mit schö­nen Träu­men und Erin­ne­run­gen durch­ge­schla­fen hat­ten. Alle kamen gemein­sam in Wil­helms­horst an. Horst zeig­te ein wenig stolz sei­ne Bil­der, aber kei­ner wuss­te, wo Mich abge­blie­ben war. Des­sen schwe­re Schrit­te hör­ten sie aber ein wenig spä­ter. Er hat­te sei­ner­seits die ande­ren Rie­sen auf­su­chen wol­len, traf aber nie­man­den an und war schon in Sor­ge, dass ihnen etwas zuge­sto­ßen sein könn­te. So ver­eint wan­der­ten sie nach Michen­dorf zum Apfel­baum, der auch den Win­ter gut über­stan­den hat­te. Dort schnit­ten sie die Zwei­ge (Edel­reis) der übri­gen fünf Bäu­me aus dem ver­las­se­nen Tal, ihrer Hei­mat, so zu, dass sie in die vor­be­rei­te­ten Stel­len des Bau­mes ein­ge­passt wer­den konn­ten. Doch kurz bevor dies geschah erschien der rote Adler, lan­de­te direkt in der Mit­te der Rie­sen und ver­wan­del­te sich in die gute Fee. Die­se über­prüf­te die Vor­be­rei­tun­gen, war zufrie­den und sag­te den wich­ti­gen Pflanz­spruch auf:

Wach­se und gedeihe,

wer­de hun­dert Jah­re alt,

mach den Men­schen Freude

und die Ern­te reich!”

Alle Rie­sen umarm­ten sich und gin­gen wie­der in ihre eige­nen Orte zurück. Nach sechs Mona­ten waren alle fünf Edel­rei­se ange­gan­gen, nach drei Jah­ren blüh­ten erst­mals sechs unter­schied­li­che Sor­ten auf dem Baum. Nach vier Jah­ren gab es die ers­te Apfelernte.

Vie­le Jah­re brauch­ten die Rie­sen, um wei­te­re Bäu­me zu pflan­zen und alles anzu­bau­en, was sie zu leben brauch­ten. Doch sie merk­ten, dass sie schwä­cher wur­den, denn die Unsterb­lich­keit hat­ten sie ver­lo­ren. Ihr Lebens­mut und die Fröh­lich­keit hat­te aber zuge­nom­men. Immer mehr Men­schen wur­den davon ange­zo­gen. Nach­dem sie alle Angst vor den Rie­sen abge­legt hat­ten, kamen sogar die ers­ten auf die Idee sich dort anzu­sie­deln, was von den Rie­sen begrüßt wur­de, denn sie waren nicht ger­ne allei­ne. So wuch­sen die Dör­fer und die Fel­der. Bald pick­ten die ers­ten Hüh­ner im Gras oder Kom­post her­um, bell­te der ers­te Hund, tob­ten Kin­der und tra­fen sich Rie­sen und die neu­en (Men­schen-) Bewoh­ner abends zu Gesprä­chen, Spiel und Gesang, so wie die Rie­sen es von sich in ihrer alten Hei­mat gewöhnt waren.

 

Kapi­tel  24  Rie­sen wer­den Wächter 

Die Zeit ver­ging schnell, die Rie­sen lang­sa­mer. Sie waren sehr geal­tert und mach­ten sich Sor­gen um ihre Zukunft und die des Wun­der­baums. Grund genug für die sechs Rie­sen sich zu treffen.

Stück hat­te kaum noch genü­gend Luft, um die Trom­pe­te zu blasen.

Fres hat­te das Geheim­nis des „Ver­sun­ke­nen Kru­ges“ gelöst, sich dabei aber so ver­letzt, dass er kaum noch gehen konnte.

Doch das ist eine ande­re Geschich­te, über die bald berich­tet wird.

Wild hat­te den Strand am See gesäu­bert und freu­te sich, dass Men­schen kamen, um dort zu baden. Er war oft so müde, dass er kaum noch die anfal­len­den Arbei­ten erle­di­gen konnte.

Lang hat­te eine klei­ne Müh­le gebaut und ver­sorg­te Rie­sen und auch Men­schen mit nahr­haf­tem Mehl. Doch die Schlep­pe­rei mit den Mehl­sä­cken ver­ur­sach­ten ihm immer mehr Rückenschmerzen.

Horst hat­te mit sei­nen Bil­dern Erfolg, immer mehr Men­schen woll­ten sie sehen und kau­fen. Das kon­zen­trier­te Malen hat­ten aber sei­ne Seh­kraft geschwächt und der Umgang mit den Far­ben sei­ne Haut verändert.

Mich hat­te sich vie­le Gedan­ken um die Zukunft sei­nes Ortes gemacht. Er sah in sei­nen Träu­men ein Rat­haus hin­ter dem Wun­der­baum ent­ste­hen. In sei­ner Fan­ta­sie erschie­nen Kin­der­gär­ten, Schu­len, ein Bahn­hof und vie­le wei­te­re Din­ge, die er sich nicht erklä­ren konn­te. Er befürch­te­te ver­rückt gewor­den zu sein.

Die Rie­sen erin­ner­ten sich an vie­le gemein­sa­me Erleb­nis­se. Da sag­te Mich: „Lasst uns an die Fee den­ken, sie wird kom­men, um uns zu hel­fen“. Alle dach­ten an die Fee und in kür­zes­ter Zeit stand sie vor den Rie­sen und hör­te sich ihre Zukunfts­sor­gen an:
Wir Rie­sen wer­den zu schwach.
Der Wun­der­baum hät­te kei­ne Wäch­ter mehr.
Der Wun­der­baum wür­de eingehen.
Die sel­te­nen Apfel­sor­ten wür­den verschwinden.
Die fried­li­che Stim­mung wäre in Gefahr.
Die Fee hör­te sich alles an und antwortete:
Wenn ihr unsterb­li­che Wäch­ter wer­den wollt, kann ich euch in Bäu­me ver­wan­deln, die schüt­zend rund um den Wun­der­baum ste­hen. Ihr seid dann wei­ter­hin unsterb­li­cher Teil der Gemein­schaft. Ihr könnt ver­fol­gen, wie sich die Men­schen in die­ser Gegend ent­wi­ckeln, denn sie kom­men um die Früch­te des inzwi­schen rie­si­gen Wun­der­baums zu pflücken.
Die Rie­sen waren ein­ver­stan­den und baten die Fee dies sofort zu tun.
„Bevor ich euch ver­wan­de­le möch­te ich euch etwas über mich erzäh­len,“ sag­te sie. Ich wur­de als Kind einer Hexe gebo­ren, die nicht sehr freund­lich war. Immer hat­te sie etwas zu meckern, nie mach­te ich etwas rich­tig, aber am meis­ten stör­te es sie, dass ich zu Mensch und Tier freund­lich war. Ich lern­te von ihr die Zau­be­rei, das Ver­wan­deln in ande­re Wesen, lern­te die Spra­che der Tie­re ver­ste­hen und sie zu spre­chen. Als ich mich stark genug fühl­te ver­ließ ich mei­ne Mut­ter, um Gutes zu tun und zu hel­fen, wo ich konn­te. Auch ich war unsterb­lich, doch der Fluch mei­ner Mut­ter hob die Unsterb­lich­keit auf. So wur­de ich ver­bit­tert und ver­schlos­sen. Als ich euch in eurem Tal beob­ach­te­te, als brau­ner Adler, spür­te ich die Har­mo­nie unter euch. In die­ser Hin­sicht war ich ein Neu­ling. Ich schwor, euch zu hel­fen wo ich konn­te, fand die­sen Ort hier und beschloss, wenn es an der Zeit wäre, wür­de ich hier allen Men­schen hel­fen, indem ich mich für ihre Bedürf­nis­se stark mache. Das Ziel ist das Mit­ein­an­der, nicht das Gegen­ein­an­der, das Zuhö­ren, gemein­sam Lösun­gen zu fin­den. Sobald die Men­schen hier dazu bereit sind, keh­re ich hier­her zurück und erfül­le mir mei­nen Lebens­traum: Gerecht, fair zu han­deln und offen für alles Neue zu sein.

Die Fee zog ihren Zau­berast, berühr­te nach­ein­an­der alle Rie­sen, die sich in Bäu­me ver­wan­del­ten. Die Rie­sen waren ver­schwun­den, der Wun­der­baum wuchs und wuchs, bewacht von sechs Baumstämmen.

Kapi­tel 25 Blick in die Zukunft

Die­ses Kapi­tel wird der Anfang des zwei­ten Buchs sein. Dar­an wird schon jetzt gear­bei­tet. Soviel wird schon jetzt ver­ra­ten : Die Fee über­nimmt Ver­ant­wor­tung für wei­te­re Feen und Alben. Übri­gens wird die im Advents­ka­len­der mit viel mehr Gra­fi­ken und erwei­ter­ten Tex­ten im März als Buch erscheinen.

Fro­he Weih­nach­ten und Frie­den in der Fami­lie, im Wohn­ort, im Land und über­all auf der Welt. Das wür­de vie­les ein­fa­cher machen.
Bern­hard Ehrentraut

 

Copy­right:  Horst Hal­ling, Bern­hard Ehren­traut 26.11. 2025

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