Willkommen auf dem Adventskalender des Kunstvereins Michendorf

Kapitel 1 Das verlasseneTal

Vor langer Zeit gab es weit, weit weg, in den hohen Bergen ein verlassenes Tal. Keiner weiß mehr, ob sich hier je ein Mensch oder ein Tier verirrt hatte. So galt dieses Tal als verlassen, weil sich dort, der Sage nach, wohl das Böse aufhielt. Deshalb war es ein Ort, der von Sagen und Märchen umwoben war, was aber den Riesen, dort abseits von den Menschen, die besten Voraussetzungen bot, um ungestört zu leben. So war dieses Tal nur anscheinend verlassen, es gab Tiere und sechs Riesen, die dort seit unendlicher Zeit friedlich zusammenlebten, in Einheit mit der Natur und allen Lebewesen, Tieren und Pflanzen. Sie pflanzten und pflegten ihre Apfelbäume, hatten sehr viel Zeit für sich und waren immer gerne zusammen um gemeinsam Probleme zu lösen oder einfach nur soeben Erlebtes zu berichten. Sie lebten an jedem Tag im „Hier und Jetzt“, was zur Folge hatte, dass sie nie nachtragend waren oder skeptisch in die Zukunft blickten. Sie konnten jeden neuen Tag ohne Hass und Neid miteinander und die schönen Dinge, der Natur erleben. Die Schneeschmelze, das Blühen im Frühling, besonders ihrer Apfelbäume, denn die Riesen verdankten ihre Größe ihre Kraft und ihre Ausgeglichenheit dem Genuss von Äpfeln und dem daraus gewonnenen Saft. Jeder für sich hatte eine besondere Apfelsorte, die er durch geheimnisvolle Züchtungen geschaffen hatte. Als Konzentrat half es nicht nur über den Winter zu kommen, sondern wirkte wie eine Medizin bei Krankheiten. Für die abendlichen Treffen wurde ein aus allen Sorten Gemeinschaftssaft hergestellt, der ihre Zusammengehörigkeit zeigen sollte.
Um ihre Verbundendenheit zu Äpfeln auszudrücken, hatten sie Hütten gebaut, die wie große Äpfel aussahen. Jede Jahreszeit stellte besondere Anforderungen an sie. Im Frühling wurde gepflanzt, Apfelbäume veredelt und die wärmende Sonne genossen. Der Sommer stand im Zeichen der Bewässerung von Bäumen und Gemüsepflanzen. Das klare und saubere Wasser mussten die Riesen einer weit entfernen Quelle entnehmen. Dies bedeutete zwar täglich immer ein anstrengender Weg, doch, weil sie immer alle gemeinsam zusammen loszogen, bot es auch eine Gelegenheit für Gespräche untereinander. Der Herbst wurde für Ernte und neues Pflanzen genutzt, im Winter schliefen sie sehr lange und trafen sich nur noch am Abend. Jeden Tag waren sich die Riesen bewusst, in welchem Paradies sie lebten, obwohl sie immer noch Furcht hatten, dass diese Ruhe und der Frieden mit dem Himmel mal ein Ende haben könnte. Es war doch nicht selbstverständlich, dass immer genügend Regen fiel, die Temperaturen stets wie im Vorjahr waren waren und keine Unwetter auftraten. Sie saßen zusammen, tranken den Apfelsaft der Gemeinschaft, der aus allen Sorten zusammengemischt war. An einem Abend, kurz vor dem Frühling, verdunkelte sich der Himmel besonders stark. Ein aufkommender Sturm und ein dumpfes Grollen beunruhigte sie nicht zu unrecht, denn am nächste Morgen waren sie von den Folgen des Unwetters so verunsichert, wie seit Hunderten von Jahren nicht mehr.
Kapitel 2 Die Riesen
Die Riesen lebten in ihren einfachen Hütten und verschwendeten fast nie Gedanken an die Zukunft. Ohne Angst vor den wenigen großen Tieren, lebten sie fröhlich in den Tag hinein und waren sich sicher unsterblich zu sein. Einzig der Himmel über ihnen war ihnen nicht geheuer, denn sie sorgten sich, dass dort eine höhere Macht verborgen war. Diese sollte nicht herausgefordert werden. Jeder Riese hatte unterschiedliche Stärken und Schwächen:

Der Riese, „Mich“ kümmerte sich wenig um das Gerede der anderen, übernahm aber immer Verantwortung bei bestimmten gemeinsamen Unternehmungen. Er hatte klare Ziele und setzte seine Ideen oft durch, weil er überzeugt war der Gemeinschaft damit zu helfen.

Der Riese „Lang“ legte großen Wert auf Gerechtigkeit, mischte sich selten bei etwas ein, hatte eher Angst, etwas falsch zu machen. Seine Ruhe und Ausgeglichenheit wurden stets von den anderen Riesen geschätzt. Er war ein Könner bei dem Anbau von Getreide.

Der Riese „Wild“ befürchtete oft das Schlimmste und reagierte spontan auf Veränderungen, manchmal zu energisch und kämpferisch. Am liebsten legte er sich aber zur Entspannung unter seine Bäume, hörte den Lauten der Tiere interessiert zu und hätte diese gern verstanden.
Der Riese „Horst“ war immer bereitet was Neues auszuprobieren. Er interessierte sich besonders für die Zusammenhänge in Flora und Fauna. Seine besondere Gabe war es, Gedanken in Bilder zu verwandeln, die ihm so mache Nacht erschienen.

Der Riese „Stück“, ein Liebhaber von gutem Essen und Trinken, genoss die Gemeinschaft, und war stets dabei, wenn gesungen wurde. Er versuchte einfachen Mitteln Töne zu erzeugen, und erfand einige Musikinstrumente. Ein schöner Tag für ihn war, wenn alle zusammen lachten und dabei nie einer ausgelacht wurde.

Der Riese „Fres“ war der Kleinste, vielleicht deswegen immer ein wenig zurückhaltend und ängstlich, etwas falsch zu machen. Er genoss das Leben in der Gemeinschaft. Wie alle anderen Riesen konnte er sich nicht mehr erinnern, wie lange und auf welche Weise er mit den anderen in dieses Tal gelangt war. Seine letzte Erinnerung an die Zeit vorher war ein zerbrochener Krug.
Kapitel 3 Das Unwetter
Ein gleißender Blitz durchbricht den stockdunklen Himmel im Tal. Sekunden später reißt ein ohrenbetäubender Knall selbst den tiefsten Schläfer aus den Träumen. Auch an den sechs Riesen geht dieses Naturschauspiel nicht spurlos vorbei. Sie, die keine Feinde auf der Erde fürchteten, hatten doch nur vor den Zeichen aus dem Himmel Respekt, denn dort vermuteten sie eine Macht, die über ihnen steht.
Der Riese „Wild“ äußert sich als Erster: „Das ist ein sehr schlechtes Zeichen, wer von uns hat hier Unrecht getan und es zu wild getrieben?“
Der Riese „Lang“ antwortet: „Es muss ein sehr schlimmes Verbrechen sein, dem wohl mit Sicherheit eine lange Strafe folgen wird.“
Der Riese, „Mich“, erwidert: „Mich geht das nichts an, ich mache eh nur alles, was mir gefällt und was Recht ist“.
Der Riese „Stück“ äußert sich: „Ich sehe das nicht so gegen uns alle, sondern vielleicht gegen etwas Anderes im Tal gerichtet“.
Der Riese „Fres“ meint nur: „Ich halte mich aus allem raus, ich weiß ja noch nicht einmal, warum ich „Fres“ heiße und vergesse alles, was vor Kurzem noch wichtig war. Außerdem bin ich der Kleinste.“
Der Riese „Horst“ kam als letzter dazu, weil seine Hütte unter einem ehemaligen Adlernest gelegen war und ergänzte: „Vielleicht kehren die Greifvögel zurück, die wir vor langer Zeit vertrieben haben und schicken eine warnende Botschaft bezüglich ihrer Rückkehr.“
Da sich das Unwetter schnell wieder verzog, machten sich die Riesen keine weiteren Gedanken und setzten ihren Schlaf in den Hütten fort.
Kapitel 4 Am Tag darauf
Am nächsten Morgen gingen sie wieder an die Arbeit: Sie pflanzten, säten, ernteten riesige Äpfel und vergnügten sich danach gemeinsam beim Wasserholen. Die Quelle hatte viel mehr Wasser als gestern noch, denn das Unwetter brachte auch starken Regen mit. So brauchten sie damit nicht sparsam sein und duschten sich gemeinsam ab. Da diese Riesen nie lange über schlimme Dinge nachdachten, sondern ihr Leben auf das „Hier und jetzt“ ausrichteten, war die letzte Nacht kein Thema mehr. Alle pflegten ihre kraftspendenden Apfelträger. Einzig Fres sorgte sich besonders um seinen „Träumebaum“, dessen riesige Äpfel besondere Fähigkeiten zu haben schienen. Nach dem Genuss der Äpfel aus der ersten Ernte vor drei Tagen fühlte er sich viel leichter und nicht mehr den anderen unterlegen. Allen fiel wieder ein brauner Adler auf, der schon vor dem Unwetter hoch über ihnen kreiste. Es schien fast so, dass er sie beobachtete.
Am frühen Abend saßen alle zusammen, spielten Karten oder unterhielten sich. Doch bald zog ein neues, noch schlimmeres Unwetter auf. In wenigen Minuten war der Himmel pechschwarz, und das Unwetter schien mehrfach schlimmer zu werden als in der letzten Nacht. Alle Riesen flohen in ihre Schlafstätten und hofften auf ein baldiges und gutes Ende des zweiten Unwetters. Aber das bedrohliche Donnern aus dem Himmel wurde immer lauter. Das kleine Rinnsal, welches ihre Quelle speiste, wurde zu einem Wasserfall. Das Wasser sammelte sich in einem See um ihre Hütten herum und stieg immer höher. Als die ersten Felsbrocken aus den Bergen, vermischt mit Schnee und Eis, ihre Lager und Hütten erreichten, gab es für sie keine Wahl mehr. Sie mussten in eine kleine Höhle fliehen, die sie für ihre Feste vergrößert hatten. Erschöpft, müde aber vor Angst noch wach, hofften alle auf das Nachlassen des Steinschlags und des Starkregens. Sie fielen bald in einen tiefen Schlaf in der schützenden Höhle und erlebten nicht, wie ein Bergrutsch dicht neben der Höhle große Schäden an ihren Hütten und ihren Pflanzungen anrichtete.
Kapitel 5 Nach dem Erdrutsch 
Am Morgen konnten sie das Ausmaß der Schäden nicht glauben. Kaum ein kleines Fleckchen ihres Lagers war verschont geblieben. Ein gewaltiger Erdrutsch hatte fast alles, was sie sich erschaffen hatten unter sich begraben und die Hütten waren überflutet. Lediglich die Dächer ragten noch aus dem neu entstandenen See. Ein einziger Apfelbaum voller Früchte ragte noch zwischen dem Geröll und Wasser dem Himmel entgegen. Von jeder anderen Baumsorte konnte man nur noch ein paar Zweige erreichen. Deshalb kamen die Riesen zusammen und trafen die Entscheidung, das geliebtes Tal zu verlassen, obwohl es allen schwerfiel. Die Idee von Fres, dem Kleinsten, machte aber allen Mut: „Wir nehmen die Äpfel mit. Die sind doch in einer trockenen Hütte abseits von Erdrutsch gelagert. Da werden wir bei unserer Suche nach einer neuen Heimat gestärkt. Außerdem sind wir tolle Züchter, beherrschen das Pfropfen von Bäumen und die Aufzucht aus Apfelkernen, besonders der Sorte „Gravensteiner“ von „Mich“. Schnell waren alle anderen bereit Aufgaben zu übernehmen:
Mich: „Ich trage den einzigen Baum! Meine Sorte ‘Gravensteiner´ !
Wild: „Ich verteidige ihn!
Horst: „Ich werde alle Feinde mit meinen Worten beruhigen!“
Stück: „Ich werde neue Freunde für uns finden, nicht alle sind schlecht!“
Lang: „Egal was geschieht, wir haben nichts Unrechtes getan!“
Sie fassten sich bei den Händen und sprachen den Gemeinschaftsspruch:
„Zusammen haben wir Kraft,
gemeinsam den Apfelsaft,
was soll schon passieren,
wenn wir uns nicht verlieren,
und jeder sein Bestes schafft!“
Kapitel 6 Vorbereitungen
Es ist ja immer schön, wenn man Hoffnungen und Erwartungen hat und diese in Plänen verwirklichen möchte. Hier jedoch haben die sechs Riesen noch einiges zu tun; außerdem trieb sie die Angst vor einem erneuten Erdrutsch zur Eile an. Als erstes wurde der einzige noch halbwegs erhaltene Apfelbaum, der „Gravensteiner“, vom Geröll befreit. Dies dauerte viel länger als erwartet, aber es gelang. Anschließend schnitten sie von allen verbleibenden fünf Bäumen jeweils drei Zweige ab, die später am Ziel der Wanderung auf den anderen Baum aufgepfropft werden sollten. Dann wurde der Apfelsaft verpackt. Nicht so wie heute in Flaschen, sondern in Schläuchen. Zudem mussten die Riesen auf das Gewicht ihrer Lasten achten. Sie hatten nie ein Tragetier gebraucht, aber nun schien es dringend nötig. Der nächste Punkt war die Himmelsrichtung der Reise zu bestimmen. Richtung Süden standen unwegsame Felsgebirge entgegen. Also entschieden sie sich nach Norden zu ziehen, ohne zu ahnen, dass ihnen tausend Kilometer Fußmarsch bevorstehen würden. Völlig erschöpft legten sie sich das letzte Mal in ihren Hütten zum Schlafen.
Kapitel 7 Begegnung mit einer Hexe
Zuerst ging es recht flott am Fluss entlang durch ihr Tal. Die nähere Umgebung war unseren Riesen recht gut bekannt, so kamen sie gut voran. Es fiel ihnen allerdings auf, dass sie kaum Menschen oder Tieren begegneten, geschweige denn Apfelbäume zu sehen waren. Dies war vor dem Erdrutsch anders. Sie fanden es merkwürdig, wenn nicht beunruhigend. Einzig der braune Adler zog über ihnen am blauen Himmel seine Kreise. Bald stellten sie fest, dass sie lieber mit kleinerem Gepäck unterwegs sein sollten. So wurde früher als geplant nach einem geeigneten Ort für das Nachtlager gesucht. Plötzlich schoss der Adler im Sturzflug hinab, streifte fast ihre Köpfe und landete nicht weit von ihnen in einer Lichtung. Horst sagte, dass er in dem verlassenen Adlernest, stundenlang die Greifvögel beobachtet hatte, aber nie eine derartige Aggression erlebt hatte. „Auch die Schreie der Adler seien unterschiedlich“, meinte er. Sie beschlossen zur Lichtung in der sie den Adler vermuteten zu gehen. Dort angekommen, gab es keine Spur von einem Adler. Auf einem Baumstumpf kauerte eine uralte, hässliche Frau. Sie näherten sich ihr und sie begann zu sprechen. „Ich bin eine Hexe sagen die meisten Menschen, doch das stimmt nicht. Ich habe besondere Gaben, kann die Sprache von Tieren verstehen, ja sogar mich mit Ihnen verständigen.“ Sie musterte nacheinander die sechs Riesen. Ihr Blick blieb auf Horst gerichtet, als sie eine Zauberwurzel hervorholte, sie auf ihn richtete und sagte: „Du kannst auch mit Tieren reden, weißt aber nicht genau, wie das geht. Ich gebe Dir die Gabe mit einem Zauber!“ Sie murmelte ein paar unverständliche Worte und war plötzlich verschwunden.
Der Ort schien den Riesen geeignet zu sein um zu übernachten. Sie schlugen das Lager auf, zum Schlafen kamen sie jedoch nicht. Zu sehr hatte sie die Begegnung mit der Hexe verwirrt. Durchs Tal erschallten furchterregende Schreie aus allen Richtungen. Den Höhepunkt bildete ein tiefes Knurren, ganz nah an ihrem Schafplatz. Die Tiere waren zurück.
Kapitel 8 Begegnung mit Ursus
Als unsere Riesen dem nachgingen, sahen sie nicht weit von sich einen „Superriesen“, viel größer und schwerer als sie und in ein dickes Fell eingepackt. Deshalb bevorzugte dieser den Gang auf allen vieren, richtete sich aber sofort auf, sobald ein Riese auf sich aufmerksam machte. Nur auf Horst schien er nicht angriffslustig zu wirken. Dieser sprach mit beruhigender Stimme auf das Tier ein und nannte ihn Ursus. Als der Bär die Stimme von Horst hörte entspannte er sich und stand wieder auf allen Vieren. Es zeigte sich, dass Horst sich mit Zeichen und Gesten mit dem Bären verständigen konnte. Die Gabe, die ihm die Hexe gegeben hatte, schien zu wirken. Jedenfalls zeigte sich der Bär auf der Stelle friedlich, legte seine Tatze auf die Schulter von Horst und brummte leise vor sich hin. Alle anderen Riesen nahmen dies als gutes Zeichen wahr Horst verstand dieses Brummen und vernahm die Worte: „Ich habe schon von Euch im Wald reden gehört. Ich werde Euch ein Stück auf eurem Weg begleiten und euch durch den verbotenen Wald führen, dessen Durchquerung euch als einziger Weg zu eurem Ziel führen kann“. Er legte sich zwischen die Riesen, deren Angst verflogen war und spendete mit seinem Fell für alle Wärme und Geborgenheit. Sie spürten keine Kälte mehr und fielen in einen tiefen Schlaf.
Kapitel 9 Neue Freundschaft 
Am nächsten Morgen mussten sich die Riesen nach dem Aufwachen erst einmal die Augen reiben. Da schlief ein Bär neben ihnen, rings um sie herum gab es nur steile Berge, die nicht zu erklimmen waren, auch ohne Gepäck. Mich freute sich, dass er den einzigen Baum, der überlebt hatte, so gut versorgen konnte, und dieser frisch und kräftig aussah. Horst erklärte, was Ursus ihm zu verstehen gab. Der einzige Weg, der ihnen noch blieb führte durch einen dichten Wald. Horst erfuhr von dem Bären, dass dieses Tal verflucht sei, viele Gefahren dort lauerten und kaum jemand es lebend durchschreiten könne, es sei der verbotene Wald. Verzweiflung kam unter den Riesen auf, selbst Wild hielt sich zurück. Fres klapperte vor Angst ständig mit seinen Zähnen. Doch dann erklärte Horst den anderen, dass dieses Ursus ihn an einen Traum erinnerte, wo sich eine Sternenformation am Himmel bildete: Den großen Bären.
Fres griff sofort zu seinem beruhigenden Apfelsaft und wollte ihn dem Bären reichen. Doch dieser stellte sich sofort auf die Hinterbeine und schien sehr wütend. Horst konnte den Bären aber sofort beruhigen, erinnerte ihn an das „Gespräch“ von gestern Abend. Sofort war Ursus ruhig und friedlich. Er nahm den Saft aus der Hand von Fres an. Alle fragten sich, wie Horst dies gelungen sei. Der antwortete nur: „Ursus“ hat gemerkt, dass ich ihn am Himmel gesehen habe. Er hat begriffen, dass wir alle hierhergehören. Ursus habe verstanden, dass wir sechs Riesen zusammengehören und sich angeboten die Riesen durch den Verbotenen Wald zu führen. Allein würde es kein Lebewesen schaffen den Wald zu durchqueren. Die Riesen waren erleichtert und ließen es zu, dass Ursus jedem vorsichtig die Tatze auf die Schulter legte. Sorgfältig wurde gepackt, vieles ausgewählt und zurückgelassen, weil es zu schwer war. Sie setzten die Wanderung voller Zuversicht und Hoffnung fort, denn Ursus war ihr Freund geworden.
Kapitel 10 Der verbotene Wald 
Schon nach kurzer Zeit erreichten sie einen dichten Wald und nach wenigen Metern eine Abzweigung zu drei verschiedenen Wegen. Der mittlere war breit und gut begehbar. Doch Ursus schüttelte den Kopf. Horst übersetzte: Er weiß, dies ist eine Falle. Der Weg endet vor einer Felswand und Eindringlinge werden von oben mit Steinbrocken beworfen, die tödlich sind. Der linke Weg war sehr schmal, so dass nicht zwei Riesen nebeneinander gehen konnten. Aber auch diesen Weg wollte Ursus nicht wählen, weil es dort vor sehr kleinen aber sehr giftigen Schlangen wimmele. Nur der rechte Weg sei möglich, hätte aber auch seine Gefahren auf die Ursus nicht eingehen wollte. In einem Tag könnten wir es schaffen, wenn wir die Nacht überleben. Mit mulmigen Gefühlen wurde der rechte Weg gewählt. Erstaunlicherweise ging es rasch voran und bis zur Dunkelheit hatten sie fast das ganze Tal und den Wald durchquert. Sie fanden nur einen guten Schlafplatz und wurden bald von der Müdigkeit überwältigt und in Träume gerissen. Einzig Ursus schlief nicht und wusste auch warum…
Kapitel 11 Der Platz der Wölfe
Ursus hatte verschwiegen, dass dies auch der Schlafplatz der Wölfe war. Diese näherten sich mit furchterregendem Geheul. Obwohl sie sonst recht friedlich waren, konnten sie sich aber nicht damit abfinden, dass Fremde ihre Gewohnheiten störten oder in ihr Gebiet eindrangen. Obwohl das Geheul des Rudels nicht zu überhören war, schliefen die erschöpften Riesen weiter. Die Wölfe kamen immer näher, so dass Ursus sich auf seine Hinterbeine stellte und sich mit einem donnernden Gebrüll bemerkbar machte. Die Wölfe waren zuerst irritiert, doch dann umkreisten sie Ihn und die ungebetenen Gäste immer enger. Ursus griff nicht an. Er hatte schon Erfahrungen mit Wölfen gemacht und erkannte eine Wölfin, die er vor langer Zeit einmal vor dem Ertrinken im nahe gelegenen Strom gerettet hatte. Auch sie erkannte ihn wieder und stieß einen eigenartigen Schrei aus, der für Wölfe untypisch war. Daraufhin legten sich die Wölfe ruhig in einem Kreis, wenige Meter entfernt, um Ursus und die Riesen. Sie waren am nächsten Morgen längst verschwunden, als die Riesen erwachten.
Kapitel 12 Abschied von Ursus und neue Schwierigkeiten 
“Habe ich gut geschlafen“, meinte Lang und die anderen Riesen stimmten zu. Nur Ursus war noch nicht wach zu rütteln, es schien als sei erschöpfter als alle sechs Riesen zusammen. Mit den letzten Resten Apfelsaft bekamen sie ihn wieder wach. Schnell wurde gepackt und der grässliche Verbotene Wald verlassen. Kaum waren sie wieder aus dem Wald heraus meinte Wild: „War doch völlig ungefährlich“. Die anderen nickten. Ursus wusste es anders. Er legte zum Abschied allen seine Tatze vorsichtig auf die Schulter, brummte leise und ging nun wieder seine eigenen Wege.
„Er hat uns Glück gewünscht“, übersetzte Horst das Brummen. Obwohl sie kaum noch Äpfel hatten, gaben sie zum Dank einige Äpfel dem Bären, der dies zu schätzen wusste. Die Riesen hatten keine Ahnung, was in der Nacht geschehen war. Andernfalls wäre ihr Dank wohl noch größer ausgefallen.
Der Apfelbaum war weiterhin das schwierigste Gepäckstück. Durch die Fürsorge von Mich hatte er kaum Schaden genommen, und das ständige Wässern mit frischem Wasser sorgte für frische Blätter und kräftige Wurzeln. Da der Saft aber fast alle war, hatten die anderen Riesen weniger Last zu tragen und konnten beim Tragen des Baums sich mit Mich abwechseln. Nach einiger Zeit gelangten sie zu einem unüberwindbaren Hindernis. Ein breiter Fluss mit starker Strömung verhinderte die Wanderung nach Norden. „Da kommen wir nie rüber“ meinte Mich. „Wir haben auch keine Kraft mehr ein Floss zu bauen“ meinten die anderen und legten sich zum Schlafen. Sie träumten, der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung trotzen zu können und wälzten sich unruhig hin und her. Einzig Mich schlief nicht, er übernahm die Verantwortung ihren Schlaf zu bewachen. Ungewöhnlich für ihn, war er doch sonst nur wenig an den Bedürfnissen der anderen Riesen interessiert gewesen.
Kapitel 13 Flussüberquerung
Sehr früh am Morgen wurden sie durch ein wildes Getöse geweckt. Die Erde erbebte von den Hufschlägen einer wilden Wasserbüffelherde, die an ihnen vorbei galoppierte. Diese wurde von sechs Amazonen auf Wildpferden reitend angetrieben. Horst reagierte am schnellsten, hielt die Frauen an schilderte und ihnen das Problem der Riesen. Eine Amazone antwortete kurz: „Wenn ihr über den Strom wollt, müsst ihr fast alles vergessen, was in Eurem Leben vorher war. Alles ist auf der anderen Seite anders. Dort gibt es Frauen und Männer, Ansiedelungen vieler Menschen. Ihr müsst für Eure Nahrung sorgen und rechtzeitig vor dem Winter Vorräte anlegen. Es hat aber auch Vorteile. Ihr werdet wieder lachen und Späße machen!“ Mit dem Blick auf den Apfelbaum, den Mich immer noch trug, ergänzte sie: „Einen Anfang habt ihr wohl schon gemacht. Der Baum wird euch viele Früchte bringen!“ Mich bemerkte, etwas eingeschüchtert, noch: „Wir haben auch noch viele Apfelkerne im Gepäck, verstehen uns gut bei deren Aufzucht und machen gesunden Apfelsaft.“ Die sechs Amazonen sprachen sich kurz ab und waren bereit die Riesen über den Strom mit Hilfe der Wasserbüffel zu bringen. Es gab unweit eine breite, flache Stelle, an der das Wasser langsamer floss. Dort war das Wasser auch nicht so tief. Die Wasserbüffel ließen die Riesen auf ihre Rücken steigen und überquerten einer hinter dem anderen den Fluss. Schon nach einer halben Stunde erreichten sie das andere Ufer. Die Riesen bedankten sich bei den Wasserbüffeln und fünf Amazonen für die Hilfe. Die sechste Amazone, mit der Horst gesprochen hatte, war verschwunden. Stattdessen stieg, unweit von ihnen entfernt, ein riesiger roter Adler auf und zog seine Kreise über ihnen. Sie fanden einen Schlafplatz am Ufer des Flusses und schliefen zwanzig Stunden lang. Der Adler veränderte seine Flugkreise nicht. Erst als die Riesen erwachten war er verschwunden.
Kapitel 14 Heilerin und Adler
Inzwischen war der Sommer schon zur Hälfte vorüber, und es drängte, sich für einen Ort zu entscheiden, wo sie den Winter überstehen konnten. Außerdem mussten sie sich vorsehen, dass sie keine anderen Menschen durch ihr Aussehen erschreckten. Nahrung gab es genug: Beeren, Pilze und ihnen unbekannte Früchte. Sie durchwanderten viele Wälder, und genossen die Tatsache, dass es hier keine Erdstürze gab. Dennoch, so genau wussten sie nicht, welche Richtung sie einschlagen sollten, bis sie die Begegnung mit einer alten „Heilerin“ machten. Sie trug eine Kiepe frischer Äpfel und hatte keine Angst vor den Riesen. Als sie die geschundenen Füße der Riesen sah, versorgte sie diese mit Kräutern und Salben. Sie verbrachten einen Tag zusammen im Wald. Die Riesen bemerkten nicht, dass sie der Heilerin schon einmal begegnet waren, allerdings in Gestalt der angeblichen Hexe. Die Heilerin konnte viele Gestalten annehmen, sich braune und rote Adler verwandeln. Auch in dem Bären Ursus hatten die Riesen sie nicht vermutet, geschweige denn in der Gestalt Amazone.
Ein besonderes Interesse brachte die Heilerin für den Apfelbaum und die Apfelkerne auf. “Ich weiß wohin ihr gehen solltet, schlug sie den Riesen vor. Vielleicht zwei oder drei Tagesmärsche von hier gibt es einen wunderschönen Ort, der noch nicht allzu bekannt sei. Er bestünde aus sechs Plätzen, die dicht beieinanderlagen. Der Boden wäre sehr fruchtbar und die Gegend ist nicht bewohnt.
„Das klingt sehr gut,“ meinte Mich, „aber wie finden wir dorthin?“ Die Heilerin antwortete, dass sie bloß dem roten Adler folgen sollten. Nach dem Austausch von Kräutern und Apfelkernen trennten sich die Riesen von der Heilerin und machten sich frohen Mutes auf den Weg in eine neue Heimat. Sowie die Heilerin gegangen war stieg ein roter Adler auf und kreiste erneut über ihnen. „Mir scheint, die Adler haben uns immer im Auge“, meinte Horst. „Wer weiß, was dahintersteckt!“ „Egal,“ meinte Wild, „Hauptsache, wir kommen an unsere Plätze. Er knabberte an einem leckeren Pilz mit roter Haube und weißen Punkten darauf. Nach einer Stunde fing er an zu kichern, schlug heftig mit beiden Armen und gab zu verstehen, dass er nun zu dem Adler fliegen wolle, um zu erfahren, was es mit diesem auf sich hätte. Die anderen amüsierten sich und Lang schlug vor: „Du musst Anlauf nehmen, sonst hebst Du nicht ab!“ Gesagt, getan. Wild sprintete los, schlug mit den Armen und landete unverletzt in einem Loch, das mit Moor gefüllt war. „Jetzt haben wir noch einen schwarzen Adler“, jubelt die anderen, konnten aber ein schadenfrohes Lachen nur mit Mühe unterdrücken. Sie wussten nichts vom Fliegenpilzgenuss von Wild. In einem klaren See wusch sich Wild, klagte über Kopfschmerzen und fluchte über Pilze. In Zukunft mied er Pilze, die er nicht kannte.
Kapitel 15 Wilde Apfelbäume
Die Riesen folgten dem wegweisenden Greifvogel. Nachdem die hüglige Landschaft immer mehr von einer flachen Ebene abgelöst wurde, setzte er sich auf einen kleinen Baum. Näherkommend entdeckten die Riesen über hundert wilde Apfelbäume, die mit ihren zwar kleinen aber sehr saftig schmeckenden Äpfel genau das waren, wonach sie sich sehnten. Schnell waren die Apfelvorräte wieder aufgefüllt und die Stimmung auf dem Höhepunkt. „Hier sind wir richtig,“ meinte Stück. Fres machte schon Pläne für künftige Züchtungen, Horst war glücklich, dass alle zufrieden waren. Wild war so ergriffen von der Schönheit der wilden Apfelbäume, dass er ganz still wurde. Lang war erleichtert, dass sie nichts falsch gemacht hatten und Mich freute sich darauf den Baum aus den Bergen endlich ins Erdreich bringen zu können. Weiter ging es an Bächen vorbei, in denen sich Forellen tummelten. Sofort machten sich alle daran, diese mit den Händen zu fangen, doch immer wieder glitten diese ihnen durch die Hände. Wild, gerade von der Pilzvergiftung genesen, hatte erneut eine gute Idee. Er schnitzte sich aus einem Ast einen Speer, stellte sich an den Rand des Bachufers und blieb unbewegt stehen. Dann tauchte eine riesige Forelle auf. Er nahm alle Kraft zusammen und schleuderte den Speer. „Ich habe sie getroffen,“ jubelte er. Alle kamen zusammen und bewunderten ihn. „Das wird ein tolles Abendessen werden,“ tönte Wild. Gemeinsam zogen sie den Speer aus dem etwas getrübten Wasser und staunten nicht schlecht. „Sieben Kröten auf einen Wurf,“ spottete Mich. Schon wieder hatte Wild die Lacher gegen sich. Doch die anderen trösteten ihn. Sie erklärten, dass sie Wild nicht verspotten wollten, sondern dass diese Situation einfach so witzig sei. Nun lachte Will auch mit und meinte trocken: “Dabei hatte ich doch keinen Pilz gegessen, keine fremde Beere gegessen.“
Kapitel 16 Ankunft in Stücken
Als die sechs Riesen weiterzogen, kreuzte ein großer Hirsch ihren Weg. Nein, ein Hirsch war es nicht, auch kein Büffel oder Pferd. Sie ahnten nicht, dass dieses Tier ein einsamer Elch war, der sich seit Jahren in dieser Gegend wohlfühlte. Er war neugierig, kontaktfreudig und hielt sich gerne in der Nähe von Ochsen und Kühen auf, weil es hier keine anderen Elche gab. Er hatte sogar einen Namen, Bert. Der rote Adler kam sicherheitshalber den Riesen und dem Elch in einem Sturzflug beängstigend nahe. Doch Riesen und Elch hatten sich bereits angefreundet, weil dieser bereits die ersten ihrer leckeren Äpfel kaute. Beruhigt stieg der braune Adler wieder auf, und die Riesen setzen ihre Wanderung fort. Nach kurzer Zeit glaubten sie Blasmusik zu hören. Sie näherten sich einem verlassenen Platz am Wald, der an eine Tanzfläche erinnerte. Dort angekommen entdeckten sie seltsame Geräte mit einer Öffnung, in die der Wind hineinblies. Stück fand als erster eine Erklärung für die Töne, die sie soeben vernommen hatte. Er griff sich eines von ihnen und brachte auch seltsame Laute aus ihm hervor, als er in eine Öffnung hineinpustete. Die anderen taten es ihm gleich und eine seltsame Musik ertönte. „Hier bleibe ich,“ sagte Stück. Damit war er der Erste, der einen neuen Platz gefunden hatte. Die anderen zogen weiter, und da sie wussten, dass die anderen Orte nicht weit entfernt sein sollten, machten sie sich keine Sorgen, dass sie sich nicht mehr wiedersehen würden. Stück benannte den Ort Stücken, denn er hoffte, dass bald andere mit ihm hier musizieren würden.
Kapitel 17 Fres wählt einen Ort 
Sie zogen zu fünft weiter. Es war schon etwas ungewohnt, dass ein Riese der Gemeinschaft fehlte. Bald aber trat die Hoffnung, dass hier jeder einen Platz finden würde, in den Vordergrund. Sobald sie aufbrachen erschien wieder der rote Adler über ihnen und führte sie auf einem schmalen Weg durch Wald und Wiesen zu ihrem nächsten Ziel. Zwei scharfe Kurven führten zu einem Hügel, an dem sie im dicht wachsendem Gestrüpp etwas sehr Seltsames fanden. Neben den wenigen Resten von Mauern sahen sie eine Hand aus dem Boden ragen, die einen Krug hielt. Natürlich hatten sie keine Ahnung, dass es sich um den versunkenen Krug handelte, von dem Sagen berichten. Fres interessierte es aber so sehr dieses Geheimnis zu lüften, dass er für sich entschied: „Ich bleibe hier! Ich werde das Geheimnis lüften. Es ist ein schöner feuchter Ort mit einem See, ideal zum Anbau von Apfelbäumen und anderen Pflanzen. Das ist mein Dorf.“ Von den ehemaligen Bewohnern schien sich keiner mehr hier aufzuhalten.
Aus diesem Grund wurde der Ort bald Fresdorf genannt. Nachdem sie dort übernachteten, zogen nun nur noch vier Riesen am nächsten Tag neue Orte suchend weiter.
Kapitel 18 Wild am See
Am nächsten Tag ging es einen kleinen Hügel hinauf, dann aber eine längere Strecke wieder hinunter, was die vier Riesen genossen, denn Anstrengungen hatten sie in letzter Zeit ausreichend gehabt. Da es noch recht warm war und der Schweiß ihnen von der Stirn rann, bereitete ihnen die Aussicht vom Hügel aus auf einen riesigen See große Freude. Ein Bad im Wasser wäre jetzt genau das richtige. Schnell war de See erreicht und sie sprangen, so wie sie waren ins Wasser, obwohl keiner schwimmen konnte. Doch das war anscheinend auch nicht nötig, denn der See war nicht sehr tief. Sie erfrischten sich tobend im Wasser und genossen das kühlende Nass. Nach geraumer Zeit stieg der rote Adler auf und landete wieder am Ufer des Sees, an einer Stelle, wo ein herrlicher Badestand zum Verweilen einlud. „Diesen Platz lass ich mir nicht nehmen, hier bleibe ich und nenne ihn Wildenbruch“, bestimmte Wild Er war der Meinung, dass er hier mit dem Bruch seiner einstigen Wildheit und seiner Ängste Erfolg haben würde. Außerdem gab es alles, was ein angenehmes Leben versprach: Fische im See, Wasser für Bäume und Pflanzen und vor allem Ruhe. Erneut wurden Apfelkerne geteilt und die restlichen drei Riesen folgten dem Adler zum nächsten verlassenen Ort.
Kapitel 19 Lang erwischt den vierten Ort
Unweit von dem neuen Ort Wildenbruch stießen sie auf großflächige und sehr fruchtbare Wiesen, die einen großen Torfanteil hatten, der für ein Prächtiges Wachstum aller Pflanzen sorgte. Meterhoch schossen Kräuter und andere Gräser dem Himmel entgegen. Auffällig viele Vögel hielten sich dort auf: Finken, Stare, Meisen und Amseln, Sperlinge und noch viel mehr Arten, die den drei verbliebenen Riesen nicht bekannt waren. Sie suchten einen geeigneten Schlafplatz, durchquerten die Wiesen stundenlang bis sie an eine Lichtung gelangten. Kleidung, Schuhe und Haare waren voller Körner. Sie säuberten sich, schütteten auch aus den Schuhen haufenweise kleine und große Getreidekörner. Kaum waren sie damit fertig, bekamen sie Besuch von einem Vogelschwarm und in wenigen Minuten waren die Körner aufgepickt. Lang kostete ein paar der Körner, die sehr hart waren. Erst durch Kauen und zermahlen zwischen den Zähnen konnte man sie genießen. Sie hatten einen anderen Geschmack, eine willkommene Abwechslung zu den Äpfeln. Dann hatte er eine Idee. Man muss die Körner zwischen Steinen zermahlen, dann sind sie besser zu genießen. Während die anderen schon schliefen beschloss er, dass dies sein Ort sei. Er nannte ihn Langerwisch, denn man musste lange Körner zwischen zwei Steinen wischen, bevor sie genießbar waren. Der rote Adler schien zu nicken, als hätte er verstanden, was Lang meinte. Er wusste aber, dass Wisch auch ein Name für Wiesen war.
Kapitel 20 Horst wird Maler
Der rote Adler führte die beiden zu einem weiteren nahgelegenen Ort, der kaum als geeigneter Platz zum Niederlassen schien. Dafür bot er eine Idylle fast unberührter Natur. Ein kleiner See, umgeben von alten Bäumen, üppigen Sträuchern und Schilf. Dort angekommen stellten die beiden Riesen fest, dass sie nicht allein waren. Eine uralte Frau saß am Ufer des Sees und malte. Sie erschrak nicht beim Anblick der beiden sondern wirkte eher erfreut. „Ich bin die Frau vom Maler Wilhelm und heiße Iris“, erklärte sie. „Mein Mann Wilhelm hatte sich immer einen Sohn von mir gewünscht, der sein Werk weiterführten würde, doch ich konnte ihm keinen schenken. Als er verstarb, versuchte ich mit all den Materialien, die er hinterließ, seine Ideen in Bilder umzusetzen, merkte aber bald, dass es mir nicht so recht gelang.“ Horst war angetan, von dem Bild, welches die Frau gerade gemalt hatte. Sie bot ihm an, ihm zu helfen alles zum Malen bereitzustellen, damit er versuchen könne, Stimmungen, Gefühle in Bildern wiederzugeben. Sie war davon überzeugt, dass jeder ein Künstler sein könne. Sie hatte schon vieles ausprobiert, war aber nie der Meinung, dass es Wilhelm gefallen hätte. Er, damit schaute sie Horst tief in die Augen, wäre wohl der Sohn, den sich Wilhelm gewünscht hatte. Er wäre dann Wilhelms Horst. Dieser zögerte nicht lange und willigte ein das Malen zu lernen. „Das musst Du selbst herausfinden“, bestimmte Iris und löste sich wie ein Geist in Luft auf hinterließ aber alle Utensilien zum Malen. Horst nannte den See „Iris See“ und den Ort „“Wilhelmshorst“. So zog Mich alleine weiter, und Horst wurde zu einem guten Maler, der seine Gefühle zu Mensch und Natur fortan nicht allein in Worte kleidete, sondern dies auch in seinen Bildern aufleben ließ.
Kapitel 21 Mich am besonderen Ort 
Nun war Mich allein. Er der sich nie besonders um die Belange der anderen Riesen gekümmert hatte, spürte plötzlich eine große Leere. Nun gut, er hatte oft Verantwortung übernommen und selbst bis zum Ende seiner Kräfte versucht, Ideen umzusetzen. Sicher, er zog sich oft zurück, wenn ihm die anderen Riesen auf die Nerven gingen, denn er wollte den Frieden der Riesengemeinschaft nicht stören. Und nun war er der letzte Riese ohne neue Heimat. Während er so nachdenklich war überraschte ihn der rote Adler, indem er sich auf seiner Schulter niederließ, Mich eindringlich mit seinen Augen betrachtete und wieder aufstieg. Mich folgte dem Adler durch einen Wald, immer noch mit dem Apfelbaum auf dem Rücken. Er fühlte sich zwar allein, wusste aber seine Freunde in der Nähe, die er jederzeit besuchen könnte.
Nach zwei Stunden erreichten sie einen großen Platz ohne Bäume und Pflanzen. Dort kreiste der rote Adler immer wieder um eine bestimmte Stelle, landete dort, stieg wieder auf und landete dort erneut. Dies erweckte die besondere Aufmerksamkeit von Mich. Was wollte der Adler sagen. Dieser pickte immer mit seinem Schnabel in den Boden. Als Mich näherkam, verwandelte sich der Adler in die Heilerin. Nun wurde ihm klar, dass sie die ganze Zeit die Riesen vor Gefahren geschützt hatte und sie zu den Orten geführt hatte, die sie für die Riesen als neue Heimat ausgewählt hatte. Sie erklärte ihm, dass dies der Platz sei, wo er den Baum pflanzen sollte, sich niederlassen und eine Familie, die Mich, gründen möge. Diesen Ort solle er „Michendorf“ nennen. Bevor Mich etwas antworten konnte, verwandelte sich die Heilerin in eine wunderschöne Fee. Sie verabschiedete sich mit den Worten: „Ich werde den Riesen immer helfen und komme, wenn ihr an mich denkt. Ich war schon Adler, Bär, Hexe, Heilerin und Amazone. Bald werde ich Euch erneut als Fee gegenüberstehen, wenn ihr mich braucht. Ich komme, wenn ihr alle zusammen an mich denkt.“ Bevor Mich etwas entgegnen konnte war sie verschwunden.
Kapitel 22 Die Riesen leben sich ein und überstehen den Winter

Es blieb den Riesen nur noch wenig Zeit, sich auf den bevorstehenden Winter vorzubereiten. Sie bauten Hütten, sammelten Vorräte und bereiteten sich auf den Winterschlaf vor, ähnlich wie manche Tiere. Dies waren sie schon von in den Bergen gewohnt, doch hier war manches anders:
Stück Stücknahm eine Trompete in den Arm.
Fres stellte den ausgegrabenen Krug neben sich.
Wild füllte seinen Schlauch mit Seewasser und streute Sand vom Strand auf den Boden seiner Hütte.
Lang besuchte alle Freunde, brachte ihnen Körner und träumte von einer Mühle, um aus diesen Mehl zu mahlen.
Horst stellte die bereits zehn von ihm gemalten Bilder um sich herum
Mich pflanzte noch vor dem ersten Frost den Baum, welchen er fast allein aus dem Tal bis hierhergetragen hatte. Er machte sich eine Krone aus sechs Blättern des gepflanzten Baumes, die er aufsetze und freute sich auf die Zeit der Veredelung des Baumes, wenn im Frühjahr die anderen Riesen mit ihren Zweigen kämen.
Er zog alles an, was er an Kleidung hatte und legte sich auf den mit Stroh ausgelegten Boden. In den Bergen hatten sie auch so den Winter verbracht, sind aber alle drei Tage aufgewacht und haben sich getroffen, um gemeinsam zu essen und zu trinken. Wie sollte dies hier gehen?
Mich dachte an die Fee und sofort erschien sie. „Ich bitte Dich, allen Riesen einen Schlaf zu verleihen, der bis zum Frühling anhält und keine Kräfte verbraucht. Dann werden wir alle gemeinsam Willen, Freude und Energie nutzen, um sechs blühende Ortschaften vorzubereiten, die den Menschen gefallen sollen“, sagte Mich. Die Fee antwortete: „So soll es sein!“ Sie löste sich in Luft auf, um die anderen Riesen mit dem Schlafzauber zu versehen. Sie erschien bei allen Riesen und versetzte sie in einen tiefen Schlaf.
Kapitel 23 Der Baum wird gepfropft und gedeiht mit sechs Apfelsorten
Warme Sonne und blauer Himmel weckten die Riesen aus dem Winterschlaf. Gierig machten sie sich über Ihre Essenvorräte her. So gestärkt brach Stück auf, um nacheinander alle anderen Riesen einzusammeln, damit sie den von Mich gepflanzten Baum mit ihren Zweigen, veredeln konnten. Alle wunderten sich, dass sie den Winter mit schönen Träumen und Erinnerungen durchgeschlafen hatten. Alle kamen gemeinsam in Wilhelmshorst an. Horst zeigte ein wenig stolz seine Bilder, aber keiner wusste, wo Mich abgeblieben war. Dessen schwere Schritte hörten sie aber ein wenig später. Er hatte seinerseits die anderen Riesen aufsuchen wollen, traf aber niemanden an und war schon in Sorge, dass ihnen etwas zugestoßen sein könnte. So vereint wanderten sie nach Michendorf zum Apfelbaum, der auch den Winter gut überstanden hatte. Dort schnitten sie die Zweige (Edelreis) der übrigen fünf Bäume aus dem verlassenen Tal, ihrer Heimat, so zu, dass sie in die vorbereiteten Stellen des Baumes eingepasst werden konnten. Doch kurz bevor dies geschah erschien der rote Adler, landete direkt in der Mitte der Riesen und verwandelte sich in die gute Fee. Diese überprüfte die Vorbereitungen, war zufrieden und sagte den wichtigen Pflanzspruch auf:
“Wachse und gedeihe,
werde hundert Jahre alt,
mach den Menschen Freude
und die Ernte reich!”
Alle Riesen umarmten sich und gingen wieder in ihre eigenen Orte zurück. Nach sechs Monaten waren alle fünf Edelreise angegangen, nach drei Jahren blühten erstmals sechs unterschiedliche Sorten auf dem Baum. Nach vier Jahren gab es die erste Apfelernte.
Viele Jahre brauchten die Riesen, um weitere Bäume zu pflanzen und alles anzubauen, was sie zu leben brauchten. Doch sie merkten, dass sie schwächer wurden, denn die Unsterblichkeit hatten sie verloren. Ihr Lebensmut und die Fröhlichkeit hatte aber zugenommen. Immer mehr Menschen wurden davon angezogen. Nachdem sie alle Angst vor den Riesen abgelegt hatten, kamen sogar die ersten auf die Idee sich dort anzusiedeln, was von den Riesen begrüßt wurde, denn sie waren nicht gerne alleine. So wuchsen die Dörfer und die Felder. Bald pickten die ersten Hühner im Gras oder Kompost herum, bellte der erste Hund, tobten Kinder und trafen sich Riesen und die neuen (Menschen-) Bewohner abends zu Gesprächen, Spiel und Gesang, so wie die Riesen es von sich in ihrer alten Heimat gewöhnt waren.
Kapitel 24 Riesen werden Wächter 
Die Zeit verging schnell, die Riesen langsamer. Sie waren sehr gealtert und machten sich Sorgen um ihre Zukunft und die des Wunderbaums. Grund genug für die sechs Riesen sich zu treffen.
Stück hatte kaum noch genügend Luft, um die Trompete zu blasen.
Fres hatte das Geheimnis des „Versunkenen Kruges“ gelöst, sich dabei aber so verletzt, dass er kaum noch gehen konnte.
Doch das ist eine andere Geschichte, über die bald berichtet wird.
Wild hatte den Strand am See gesäubert und freute sich, dass Menschen kamen, um dort zu baden. Er war oft so müde, dass er kaum noch die anfallenden Arbeiten erledigen konnte.
Lang hatte eine kleine Mühle gebaut und versorgte Riesen und auch Menschen mit nahrhaftem Mehl. Doch die Schlepperei mit den Mehlsäcken verursachten ihm immer mehr Rückenschmerzen.
Horst hatte mit seinen Bildern Erfolg, immer mehr Menschen wollten sie sehen und kaufen. Das konzentrierte Malen hatten aber seine Sehkraft geschwächt und der Umgang mit den Farben seine Haut verändert.
Mich hatte sich viele Gedanken um die Zukunft seines Ortes gemacht. Er sah in seinen Träumen ein Rathaus hinter dem Wunderbaum entstehen. In seiner Fantasie erschienen Kindergärten, Schulen, ein Bahnhof und viele weitere Dinge, die er sich nicht erklären konnte. Er befürchtete verrückt geworden zu sein.
Die Riesen erinnerten sich an viele gemeinsame Erlebnisse. Da sagte Mich: „Lasst uns an die Fee denken, sie wird kommen, um uns zu helfen“. Alle dachten an die Fee und in kürzester Zeit stand sie vor den Riesen und hörte sich ihre Zukunftssorgen an:
Wir Riesen werden zu schwach.
Der Wunderbaum hätte keine Wächter mehr.
Der Wunderbaum würde eingehen.
Die seltenen Apfelsorten würden verschwinden.
Die friedliche Stimmung wäre in Gefahr.
Die Fee hörte sich alles an und antwortete:
Wenn ihr unsterbliche Wächter werden wollt, kann ich euch in Bäume verwandeln, die schützend rund um den Wunderbaum stehen. Ihr seid dann weiterhin unsterblicher Teil der Gemeinschaft. Ihr könnt verfolgen, wie sich die Menschen in dieser Gegend entwickeln, denn sie kommen um die Früchte des inzwischen riesigen Wunderbaums zu pflücken.
Die Riesen waren einverstanden und baten die Fee dies sofort zu tun.
„Bevor ich euch verwandele möchte ich euch etwas über mich erzählen,“ sagte sie. Ich wurde als Kind einer Hexe geboren, die nicht sehr freundlich war. Immer hatte sie etwas zu meckern, nie machte ich etwas richtig, aber am meisten störte es sie, dass ich zu Mensch und Tier freundlich war. Ich lernte von ihr die Zauberei, das Verwandeln in andere Wesen, lernte die Sprache der Tiere verstehen und sie zu sprechen. Als ich mich stark genug fühlte verließ ich meine Mutter, um Gutes zu tun und zu helfen, wo ich konnte. Auch ich war unsterblich, doch der Fluch meiner Mutter hob die Unsterblichkeit auf. So wurde ich verbittert und verschlossen. Als ich euch in eurem Tal beobachtete, als brauner Adler, spürte ich die Harmonie unter euch. In dieser Hinsicht war ich ein Neuling. Ich schwor, euch zu helfen wo ich konnte, fand diesen Ort hier und beschloss, wenn es an der Zeit wäre, würde ich hier allen Menschen helfen, indem ich mich für ihre Bedürfnisse stark mache. Das Ziel ist das Miteinander, nicht das Gegeneinander, das Zuhören, gemeinsam Lösungen zu finden. Sobald die Menschen hier dazu bereit sind, kehre ich hierher zurück und erfülle mir meinen Lebenstraum: Gerecht, fair zu handeln und offen für alles Neue zu sein.
Die Fee zog ihren Zauberast, berührte nacheinander alle Riesen, die sich in Bäume verwandelten. Die Riesen waren verschwunden, der Wunderbaum wuchs und wuchs, bewacht von sechs Baumstämmen.
Kapitel 25 Blick in die Zukunft
Dieses Kapitel wird der Anfang des zweiten Buchs sein. Daran wird schon jetzt gearbeitet. Soviel wird schon jetzt verraten : Die Fee übernimmt Verantwortung für weitere Feen und Alben. Übrigens wird die im Adventskalender mit viel mehr Grafiken und erweiterten Texten im März als Buch erscheinen.
Frohe Weihnachten und Frieden in der Familie, im Wohnort, im Land und überall auf der Welt. Das würde vieles einfacher machen.
Bernhard Ehrentraut
Copyright: Horst Halling, Bernhard Ehrentraut 26.11. 2025
